In der offenen Drogenszene in Köln hat in den vergangenen Jahren die Verelendung zugenommen. Gerade die Lage rund um den Neumarkt war ein zentrales Wahlkampfthema von Oberbürgermeister Torsten Burmester. Der Stadtrat hat nun mit großer Mehrheit ein Suchthilfezentrum (SHZ) im Pantaleonsviertel beschlossen. Das Zentrum soll den Neumarkt entlasten, stößt in der Nachbarschaft aber auf Widerstand. Daniel Deimel über die geplanten Maßnahmen, die Ängste der Anwohnenden und darüber, was aus fachlicher Sicht suchtkranken Menschen wirklich hilft.
choices: Herr Deimel, Sie haben an der Studie „Offene Drogenszene in NRW 2024“ mitgearbeitet. Wie hat sich die Situation in Köln in den letzten Jahren aus Ihrer Sicht verändert?
Daniel Deimel: Vor zehn Jahren hatten wir es in den offenen Drogenszenen in Köln, wie in vielen anderen Städten, mit Menschen zu tun, die überwiegend Heroin konsumiert hatten. Seit 2016 können wir eine sehr hohe Zunahme von Kokain auf dem europäischen Markt feststellen. Das hat etwas mit der Situation in Südamerika zu tun, in Kolumbien. Die Anbauflächen für Koka-Pflanzen haben sich erhöht und der Markt ist deutlich expandiert. Neben den USA ist der Profit in Europa mit am höchsten. Im Zuge der Coronapandemie sind die Menschen in offenen Drogenszenen feststellbar dazu übergegangen, andere Konsummuster zu entwickeln. Sozialarbeiter:innen beschreiben, dass die Menschen härter konsumierten, um sich zu betäuben. Der Konsum hat sich von Heroin zum Kokain verlagert, weil eben die Verfügbarkeit auf dem Markt deutlich höher war. In Köln sind sie dazu übergegangen, aus dem Kokain Crack herzustellen für den Eigenbedarf. Das ist im Prinzip rauchbar gemachtes Kokain. Die Wirkung ist um ein Vielfaches stärker, als wenn man Kokain nasal konsumiert. Die Dynamik, die mit Crack einhergeht, ist eine ganz andere als bei Heroin und die hat sich eben sehr stark verändert. Die Verelendung im öffentlichen Raum hängt auch mit den Folgen des Crack-Konsums zusammen.
Es führt also vor allem der gestiegene Crackkonsum zu mehr Verelendung?
Wir haben verschiedene Faktoren, die miteinander interagieren und sich gegenseitig verstärken. Der Crackkonsum ist ein Teil des Ganzen. Es führt zu einer sehr starken psychischen Abhängigkeit. Die Menschen sind teilweise mehrere Tage am Stück wach, weil das Schlafbedürfnis reduziert ist. Auch das Bedürfnis nach Essen und Trinken ist unterdrückt. Das heißt, der körperliche Allgemeinzustand ist äußerst schlecht. Auch psychische Probleme und psychotische Zustände nehmen zu. Ein anderer Treiber der Krise ist, dass wir einen hohen Anteil an Obdachlosigkeit haben, vor allem Straßenobdachlosigkeit. Menschen ohne gesicherte Übernachtung sind besonders vulnerabel. Obdachlosigkeit kann einerseits dazu führen, dass die Leute mit dem Crackkonsum anfangen oder dazu wechseln. Auf der anderen Seite kann Crackkonsum dazu führen, dass bestimmte Hilfen nicht mehr in Anspruch genommen werden können. Zum Beispiel können Öffnungszeiten von der Notschlafstelle gar nicht mehr eingehalten werden, weil eben der Schlafrhythmus total gestört ist. Heroin schafft immer noch eine gewisse Grundstruktur. Menschen konsumieren vier, fünf Mal am Tag und dann entsteht so eine Art von Sättigung, bei der mehr Heroin keinen Sinn mehr macht. Diese Art von Sättigung gibt es nicht bei Stimulantien wie Kokain. Wir sehen in den Daten, dass bei Crack die Konsumfrequenz deutlich höher ist als bei Heroin. Es sind also wechselseitige Bedingungen. Obdachlosigkeit führt eher zu Crackkonsum, Crackkonsum führt eher zur Obdachlosigkeit. Beides verstärkt sich gegenseitig und führt in der Summe zu einer verstärkten Verelendung.
Die Stadt plant nun das SHZ im Pantaleonsviertel nach dem Vorbild des Zürcher Modells. Was bedeutet das und was sind aus Ihrer Sicht die wichtigsten fachlichen Gründe für ein solches Zentrum?
Wenn es um das Zürcher Modell geht, dann geht es weniger um ein Zentrum, sondern um ineinandergreifende Einrichtungen und Maßnahmen. Das ist etwas ganz Zentrales. Es wird im öffentlichen Diskurs immer sehr verkürzt aufgegriffen, aber da steckt viel mehr dahinter. Wir brauchen Einrichtungen wie das geplante Suchthilfezentrum, vermutlich mehrere, auch rechtsrheinisch. Ein ganz zentraler Punkt an dem Zürcher Modell ist, dass die Menschen in den Notschlafstellen auch konsumieren dürfen. Das ist bisher nicht gegeben in Köln. Deswegen brauchen wir im ersten Schritt gesicherte Unterkünfte, in denen der Substanzkonsum toleriert wird – damit wir die Leute von der Straßenobdachlosigkeit wegbekommen. Darüber hinaus brauchen wir noch Maßnahmen wie „Housing First“ (Konzept zur Wohnungsvermittlung, d. Red.) und andere Formen von Übernachtungsmöglichkeiten, um die Straßenobdachlosigkeit zu bekämpfen. Die Wohnproblematik muss angegangen werden. Wir brauchen auch eine niedrigschwellige sozialpsychiatrische Versorgung, Unterstützung von Sozialarbeiter:innen und eine niedrigschwellige Anbindung zu Substitutionsbehandlungen (Entwöhnung durch Ersatzstoffe, d. Red.). Wir sehen in unseren Daten, dass die Menschen, die auf Grund ihrer Heroinabhängigekit substituiert sind, auch im Crackkonsum nicht so massiv unterwegs sind. Das sind viele Baustellen, die ein Gesamtkonzept brauchen, das eben diese unterschiedlichen Endpunkte adressiert.
Befürworter sagen: Das SHZ soll den Neumarkt entlasten und gleichzeitig Konsumierende schützen. Kritiker befürchten eine bloße Verlagerung des Problems. Was sagen Forschung und Erfahrung aus anderen Städten dazu?
Zürich hat deutlich weniger Einwohner als Köln, hatte in den 90er Jahren aber europaweit die größte offene Drogenszene. Diesen Zustand wollte man nicht mehr tolerieren. Das war eine unvorstellbare Verelendung, mit einem sehr hohen Anstieg an Drogentodesfällen und an HIV-Übertragungen innerhalb dieser Population. Man hat im innerstädtischen Bereich drei Kontakt- und Anlaufstellen aufgemacht, die allerdings nicht rund um die Uhr geöffnet haben, so wie das jetzt in Köln geplant ist. Sie wechseln sich mit ihren Öffnungszeiten ab. Somit war der Gedanke, dass die Szene innerhalb der Innenstadt hin und her kursiert und sich nicht an einen Ort verlagert. Die andere zentrale Strategie war, Räume zu schaffen, in denen die Szene unter kontrollierten Bedingungen stattfindet. Dazu gehört eben auch der Handel von Konsument zu Konsument, also der sogenannte Mikrohandel. Der wird in Teilen der Einrichtung in Zürich toleriert. Es ist nicht so, dass da jemand mit einem Paket Kokain steht und das in großen Mengen verkauft. Das ist ein sehr diskreter Handel in bestimmten Räumen der Einrichtung, in denen auch die Polizei nicht sieht, was passiert. Der Drogenhandel wird im öffentlichen Raum nicht toleriert, aber eben in Teilen dieser Einrichtung. So verlagert sich der Handel vom öffentlichen Raum dorthin. Wenn ich es richtig verstanden habe, will man in Köln genau die Strategie gehen. Das hätte im besten Fall zur Konsequenz, dass auch der öffentliche Raum entlastet wird, weil die Menschen keine Notwendigkeit mehr haben, im öffentlichen Raum Drogen zu kaufen und damit zu handeln.
Reicht dafür eine Einrichtung aus?
Ich glaube, man wäre gut beraten, wenn wir parallel nicht nur eine, sondern direkt eine zweite Einrichtung linksrheinisch mitentwickeln und aufbauen, damit sich das gegebenenfalls auch sozialräumlich nochmal verlagern könnte. Aber das muss man gucken, wie das umgesetzt werden kann und ob die Gelder dafür auch bereitgestellt werden.
Die Stadt bezeichnet den Standort am Perlengraben als „alternativlos“. Insbesondere die Nähe zum Neumarkt sei wichtig, damit das SHZ genutzt werde. Anwohnende kritisieren, dass alternativ geprüfte Standorte nie transparent gemacht worden sind. Glauben Sie, dass das die Akzeptanz erhöht hätte?
Wir erleben da ganz typische Konflikte. Die hat man eigentlich überall. Es wird gesagt: „Ja, wir wollen Suchthilfe, aber bitte nicht bei mir vor der Haustür.“ Es gibt wenig Akzeptanz für solche Einrichtungen, egal, wo. Wir sehen aber schon sehr deutlich, dass diese Einrichtungen nur funktionieren, wenn sie auch in der Nähe der Szene sind. Wir hatten ja schon mal zwei Jahre einen Drogenkonsumraum im Deutzer Hafen, der zu weit weg war. Der ist überhaupt nicht angenommen und nach zwei Jahren wieder geschlossen worden. Wir brauchen von der Größe her so leistungsfähige Einrichtungen, dass sie diese Menschen aufnehmen können. Es braucht Räume mit hoher Aufenthaltsqualität, bei denen auch über die größere Fläche Konflikten zwischen den Menschen entgegengewirkt werden kann. Das verhindert Hausverbote, mit denen die Leute dann doch wieder im öffentlichen Raum landen.
Die Öffnung rund um die Uhr gilt als zentraler Erfolgsfaktor, ist aber personell und finanziell schwer umzusetzen. Was passiert, wenn das Zentrum nicht von Beginn an durchgängig geöffnet ist? Welche Folgen hätte das für die Wirksamkeit und die Nachbarschaft?
Welche Auswirkungen das für die Nachbarschaft hat, kann ich überhaupt nicht einschätzen. Das ist so ein bisschen der Blick in die Glaskugel. Sinnvoll wäre es natürlich, sofort Personal zu suchen und die Öffnungszeiten am Neumarkt schon mal hochzufahren. So hätte man mehr Mitarbeitende, wenn dann die neue Einrichtung da ist. Das macht sicherlich Sinn. Aber klar, die Menschen brauchen eigentlich eine Versorgung, die dauerhaft ist.
Der Widerstand im Pantaleonsviertel ist groß. Spricht das für berechtigte Sorgen oder eine Stigmatisierung von suchtkranken Menschen?
Wenn ich mir diese Bürgerveranstaltung ansehe, die die Stadt abgehalten hat, gab es da eine ganze Reihe von Fragen und Sorgen. Ich glaube, dass die Menschen Bilder von Konsumierenden im Kopf haben, die durch Stigmatisierung zustande gekommen sind. Das sind eben auch teilweise verzerrte Bilder von der offenen Drogenszene am Neumarkt, aber genau das soll da ja nicht passieren. Es soll ja ein Angebot geschaffen werden, das die Leute weg von der Straße holt. Dem ließe sich sicherlich über vernünftige Infoveranstaltungen zum Teil begegnen. Welche Auswirkungen diese Einrichtung dann im Detail auf das Viertel hat, lässt sich nicht prognostizieren.
Insbesondere die Nähe zu mehreren Schulen wird viel kritisiert. Wie sehen Sie das?
Die Sorge, dass da Schüler mit Drogen versorgt werden, finde ich eher unbegründet. Da müsste man sich eher Sorgen machen, wenn neben der Schule ein Kiosk mit Alkohol, Tabak, Vapes und Lachgas ist. Oder wenn Schülerinnen und Schüler ins Internet gehen und alles kaufen können. Und zwar wirklich alles. Da ist die offene Drogenszene nicht das Thema. Ich glaube, es wäre sehr hilfreich, eher nochmal Informationen zu geben, zu vermitteln, und auch Anwohner und Schülerinnen in diese Prozesse miteinzubinden. Ich fand es sehr bezeichnend, dass eine Schülerin bei der Infoveranstaltung gesagt hat: „Ich habe kein Problem mit der Hilfeeinrichtung, die geplant wird. Ich habe eher ein Problem mit der Obdachlosigkeit.“ Das fand ich eine sehr spannende Perspektive. Das war die einzige Schülerin, die sich da zu Wort gemeldet hat. Manchmal habe ich das Gefühl, es werden Personen gegeneinander ausgespielt. Da werden die Schüler instrumentalisiert mit einer vermeintlichen Sorge der Erwachsenen, weil man diese obdachlosen Menschen nicht da haben möchte. Das ist natürlich schwierig, wenn man diese „Wir-gegen-die“-Dimension hat. Das ist eine sehr starke Spaltung, die da passiert.
Unter welchen Bedingungen kann das SHZ funktionieren?
Es geht nicht nur um dieses eine Suchthilfezentrum, sondern um ein abgestimmtes Konzept. Aus meiner Sicht sind zwei Faktoren wichtig. Das eine ist, dass wir uns einmal anschauen: Um wie viele Menschen geht es da eigentlich in totalen Zahlen? Wie stark müssen die Hilfen entwickelt sein, um diesen Menschen auch vernünftig helfen zu können? Diese Abschätzungen der Fallzahlen gibt es bisher nicht. Das ist methodisch nicht ganz einfach, sowas abzubilden. Und dann kann man gucken: Brauchen wir eine Einrichtung, brauchen wir zwei, drei oder vier? Wie viel Wohnraum brauchen wir, um diesen Menschen weiterhelfen zu können? Da arbeiten wir im Moment komplett im Nebel. Es gibt keine vernünftige Planung. Als Steuerungsinstrument wäre es hilfreich, regelmäßig Daten darüber zu sammeln, wie die Entwicklungen in den offenen Drogenszenen sind, um Suchthilfe kontinuierlich weiterentwickeln zu können. Das findet bisher auch in keiner Kommune so strukturiert statt. Aus meiner Sicht wäre das hilfreich und wünschenswert. Das müsste eigentlich passieren.
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