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Vincent Moloi am Sonntag im Filmforum
Foto: Jan Schliecker

Geister der Vergangenheit

05. Oktober 2017

„Skulls of My People“ beim Afrika Film Festival – Foyer 10/17

Der Genozid im heutigen Namibia ist ein wenig bekanntes Kapitel deutscher Geschichte, steht er doch im Schatten späterer deutscher Verbrechen und fand in einer Zeit statt, als die Etablierung europäischer Kolonien in Afrika als Teil nationaler und auch kirchlicher Interessen recht unkritisch hingenommen wurde. Viele Siedler lockte die Hoffnung auf Reichtum, die Ureinwohner wurden in vielen Fällen christianisiert und enteignet. Oft kam es zu kriegerischen Konflikten, die sie nicht gewinnen konnten. In Deutsch-Südwestafrika erließ der Gouverneur und Oberbefehlshaber Lothar von Trotha Vernichtungsbefehle gegen die Herero und die Nama, der überwiegende Teil von ihnen wurde ermordet, tausende Schädel wurden für wissenschaftliche Experimente nach Deutschland verschifft. In Köln und München waren, wie in Namibia, bis vor einigen Jahren Straßen nach Trotha oder seinem Vorgänger Lüderitz benannt.

Das von dem Südafrikaner Vincent Moloi gedrehte „Skulls of My People“, das am Sonntag – zusammen mit der dazu passenden 15-minütigen Videoinstallation „Indifference“ von Nicola Brandt – zum ersten Mal in Deutschland aufgeführt wurde und im Filmforum auch den Preis für die beste Dokumentation gewann, zeigt den andauernden Kampf der Herero und Nama um Entschädigung, Rückgabe von Land und eine offizielle Entschuldigung.


Ein Genozid-Jahrestag in „Skulls of My People“, Bild: © Vincent Moloi

Dass es im Film im Wesentlichen um sie geht, nicht um Deutsche oder um die von anderen Volksstämmen dominierte Regierung Namibias, ist kein Zufall. Die deutsche Gemeinschaft in Namibia habe sich geweigert mitzumachen, erklärte Moloi auf Englisch, und die Regierung Namibias habe genug Raum, ihre Positionen in den Medien des Landes darzulegen. Für ihn bestehe eine wichtige Aufgabe von Filmen darin, „die Geschichte von Benachteiligten und Schwachen zu erzählen und ihnen eine Stimme zu geben“. Die bis heute armen Herero und Nama in Namibia, das zeigt der Film, konnten sich nie von der Kolonialzeit erholen. Heute sei immer noch viel Land deutschen Händen, ohne dass sie dort unbedingt noch leben, so Moloi – in Südafrika sei die Situation im Übrigen ähnlich.

Es sei wichtig für ein Land, ein „pro-aktives“ Interesse an der Geschichte zu kultivieren, um auch das zu erfahren, was Täter und Regierungen verschweigen, und eine bessere Zukunft gestalten zu können. Die Rhetorik rechter Parteien wie der AfD zeige das besonders, da sie nicht wüssten, dass „der Reichtum hier von woanders gestohlen wurde“. „Europa hat Afrika ausgesaugt, bis die Leute, die dort leben, gar nichts mehr haben und versuchen, zu euch zu kommen, um zu überleben.“


Karl Rössel von FilmInitiativ Köln e.V. mit Vincent Moloi, Foto: Jan Schliecker

Die Herero würden die Geschichte auf ihre Weise bewahren, und dazu gehöre es offenbar, Kleider aus der Kolonialzeit tragen. „Diese Geschichte, das meiste davon, ist nicht niedergeschrieben, sie wird in Schulen nicht gelehrt oder sonstwie verbreitet.“ Auch zur Vorführung des Films in Namibia seien hauptsächlich Herero erschienen. Es gebe nicht genug Filme oder Bücher, die vor Ort zugänglich seien. „Viele Bücher, die geschrieben werden, sind sehr akademisch.“

Er selbst begann sich für die Herero zu interessieren, als er eine einer Zeitschrift eine Herero-Frau abgebildet sah. „Da stand, dass es sich um ein traditionelles Kleid der Herero handle. Und ich sagte mir, nein, das kann kein traditionelles Kleid sein, es ist viktorianisch. Also habe ich nachgeforscht und von der Geschichte der Herero erfahren. Als die Deutschen sie fast ausrotteten und viele zu ihren Sklaven machten, bekamen sie diese alte Kleidung und trugen sie. Jetzt behalten sie sie als ein ikonisches Memento ihrer Geschichte, damit ihre Kinder von dieser Geschichte etwas erfahren können.“

Nach den historischen Bildern im Film befragt, erklärte Moloi: „Das Schöne an den Deutschen ist, dass sie sehr gut organisiert sind und alles aufnehmen. Es ist schade, dass ich für den Film nicht genug Zeit und Ressourcen zur Verfügung hatte, aber es gibt jede Menge Aufzeichnungen in den deutschen Archiven. Es gibt sogar die Tagebücher einiger Generäle, die Buch darüber führten, wie viele Menschen sie pro Tag getötet haben und wie viele sich noch in den Lagern befanden.“

Auf die deutsche Regierung und Merkel angesprochen, sagte Moloi: „Ich glaube, es ist eine Schande, dass sie in all den Jahren, die sie regiert, keine Anstalten gemacht hat, das Land zurückzugeben. Denn es gibt niemanden, der anzweifelt, dass das Land mit Gewalt genommen wurde. Die Deutschen profitieren noch heute von genau diesem Land.“ Leider habe auch niemand von der Regierung mit ihm sprechen wollen.

Inzwischen sei es nur noch eine Frage der Zeit, dass überall in Afrika neue Konflikte ausbrechen, weil die Ungleichheit weiter zunehme und es bei den Armen irgendwann nur noch ums Überleben ginge. „Die Armen werden versuchen, von den Reichen zu nehmen.“

Moloi dankte dem Publikum und den Organisatoren für die Auszeichnung. „Es ist eine Bestätigung dafür, dass es noch Hoffnung in der Welt gibt, und die Tatsache, dass ein deutsches Publikum für den Film gestimmt hat, zeigt, dass wir bereit sind, uns mit unserer Vergangenheit auseinanderzusetzen.“ Es sei immer sein Traum gewesen, den Film den deutschen Menschen zu zeigen. Er hoffe nun, dass der Preis helfe, dass mehr Deutsche ihn sich anschauen. Inzwischen plane er eine Fortsetzung – er habe auch keine Wahl, da sein Team nun „ein Teil davon“ geworden sei. Das am 23. Oktober beginnende New Yorker Gerichtsverfahren der Herero gegen Deutschland, das auf Schadensersatz abzielt, werde er begleiten und auch die Aussagen von deutschen Regierungsvertretern aufnehmen. „Ich glaube, der Prozess ist das Beste, was den Herero je passiert ist. Sie sind nur eine kleine Gemeinschaft ohne Macht.“

Jan Schliecker

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