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Michael Schuhmacher zu Gast bei "homochrom" im Filmforum.

Drogenkonsum in der Schwulenszene

12. März 2016

„Chemsex“ im Filmforum – Foyer 03/16

Freitag, 11. März: Ein heikles und topaktuelles Thema packten die Veranstalter der „homochrom“-Reihe mit schwul-lesbisch-transidentischen Filmen an, als sie mit „Chemsex“ in Köln einen Dokumentarfilm als Deutschlandpremiere zeigten, der sich mit den Wechselwirkungen zwischen schwulem Sex und Drogenkonsum auseinandersetzt. Durch den Crystal-Meth-Fund bei Grünen-Politiker Volker Beck, der daraufhin seine Ämter niederlegte, ist das Thema medial zurzeit wieder in den Fokus gerückt. Martin Wolkner von „homochrom“ war es gelungen, im Anschluss an die Projektion des englischen Films, der von „Vice“, der „Bild-Zeitung für die jüngere Generation“, so Wolkner, produziert worden ist, eine Podiumsdiskussion zum Thema und der Situation in Köln zu veranstalten. Wolkner konnte als Gesprächspartner Michael Schuhmacher, den Geschäftsführer der Aidshilfe Köln, sowie zwei Betroffene gewinnen, die selbst Drogenerfahrungen beim schwulen Sex gemacht haben. Da beide nicht fotografiert oder namentlich genannt werden mochten, sind ihre Statements hier anonymisiert wiedergegeben.

Martin Wolkner leitete die Podiumsdiskussion

Im Film von William Fairman und Max Gogarty kommen zahlreiche Abhängige zu Wort, die auf teilweise wöchentlicher bis täglicher Basis Crystal Meth (auch Tina genannt), GHB (Liquid Ecstasy), GBL oder Mephedron zu sich nehmen. Martin Wolkner wies darauf hin, dass die Situation in Köln deutlich anders sei als die in London, das europa- bis weltweit als die Hauptstadt für Sexdrogen dieser Art gilt. Dennoch betonte Michael Schuhmacher, dass Drogen in der schwulen Szene auch in der Domstadt ein Thema seien, und dass ihr Konsum häufig mit Sex gekoppelt sei.  Für ihn war „Chemsex“ insbesondere deswegen ein interessanter und sehenswerter Film, weil es den Machern gelungen sei, die unterschiedlichen Ursachen aufzuzeigen, warum schwule Männer von diesen Sexdrogen abhängig werden. Häufig gehe das mit Unsicherheiten einher, die die eigene Sexualität betreffen, denn selbst beim behüteten Aufwachsen in einem verständnisvollen Elternhaus seien homosexuelle Menschen häufig gezwungen, ihr wahres Selbst in Alltagssituationen zu verleugnen, weil sie Ausgrenzung und Diskriminierung fürchten müssten. Beim Konsum von Drogen wie Crystal Meth fielen derartige Barrieren weg, man könne in eine wunderschöne Fantasiewelt entfliehen, in der es keine Restriktionen oder Unmöglichkeiten gebe. Diese Ansicht vertrat auf dem Podium auch der Betroffene A, der viele Jahre in Köln gelebt und in dieser Zeit regelmäßig Crystal Meth konsumiert hatte. Auch für ihn ist die internalisierte Scham, mit der eigenen Sexualität nicht im Reinen zu sein, einer der Hauptgründe für den Drogenkonsum beim Sex. „Tina ist eine aggressionsfördernde Droge, die ich einnahm, weil ich nicht mehr wehrhaft im Leben war“, so A.

Michael Schuhmacher und Martin Wolkner diskutieren

Seinen Ausstieg aus dem Leben mit Drogen schaffte A schließlich, weil er es selbst satt hatte, ein Doppelleben zu führen. Erfolgreich im Beruf und dennoch gezwungen, am Wochenende ein abgründiges Geheimleben zu führen. Zu sich selbst und zu dem, was er ist, zu stehen, gelang A zunächst nur unter Drogeneinfluss. Mittlerweile sei ihm das auch clean möglich. Der Betroffene B erzählte, dass er Drogen lediglich als „chemisches Sexspielzeug“ nutze. Er slamme nicht (wie man das intravenöse Verabreichen von Crystal Meth in der Szene nennt), sondern bringe sich nach einer harten Woche mit Speed oder Ecstasy in Feierstimmung. „Die meisten Leute, die ich kenne, die Drogen konsumieren, haben ein ganz normales Leben“, so B weiter. Seiner Meinung nach kann man nicht wirklich abrutschen, solange man einen Freundeskreis habe, der einem zu seinem Drogenkonsum ein Feedback gebe. Schuhmacher kam am Ende wieder auf Volker Beck zu sprechen, der immer die Ansicht vertreten habe, Drogenkonsum zu entkriminalisieren. Auf diese Weise wüssten Konsumenten auch besser, was sie einnehmen, was die Risiken, an schlechten Stoff zu kommen, reduziere. Wie unmöglich es sei, Drogengeschäfte generell zu unterbinden, sähe man allein an der Tatsache, dass in allen Justizvollzugsanstalten gedealt würde – und diese deutlich besser überwacht seien als beispielsweise der Kölner Rudolfplatz.

Text/Fotos: Frank Brenner

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