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„Purple Sea“
Foto: pong Film GmbH

Reizüberflutung mit Konzept

02. Februar 2023

Symposium der Dokumentarfilminitiative – Festival 01/23

Die See ist in Bewegung. Die Kamera auch. Findet keine Ruhe, treibt hin und her und wir mit ihr. Alles ist instabil, es gibt keinen Halt hier im offenen Meer, mitten zwischen all den anderen Menschen. Eine Bluse mit Schmetterlingen, der Gürtel eines Mantels, schwebende Beine, Artefakte. Sind wir unter oder über dem Wasser? Wir verlieren die Orientierung, hören Gemurmel, Schreie, dann wieder Stille und das Schnappen nach Luft. Darüber legt sich ein Off-Kommentar. Er verknüpft die Bilder, die wir aus der sicheren Distanz des Kinosessels sehen, mit denen, die in unserer Vorstellung entstehen und denen wir uns nicht entziehen können.

„The boat is still out there“

Der 67-minütige Dokumentarfilm „Purple Sea“ ist eine notwendige Zumutung und einer der bedrückendsten und berührendsten Programmpunkte des Symposiums „Konstellationen dokumentarischer Montage und Dramaturgie“. Er basiert ausschließlich auf Material, das Regisseurin Amel Alzakout bei ihrer Flucht aus Syrien 2015 aufnahm. Mit einer wasserdichten Kamera, die sie ans Handgelenk gebunden hatte. Ihr Boot mit hunderten anderer Flüchtenden sinkt vier Kilometer vor der Küste von Lesbos. Mehr als fünf quälende Stunden lang wartet sie im Wasser auf Rettung. Die Kamera zeichnet auf, wie sie selbst und die Menschen um sie herum ums Überleben kämpfen und sterben. Der künstlerischen Aufarbeitung folgt direkt die analytische von Forensic Architecture. In „Shipwreck at the Treshold of Europe“ rekonstruiert die britische Rechercheagentur anhand von Alzakouts Material und mit Hilfe von GPS-Daten und Satellitenaufnahmen den zeitlichen Ablauf der Katastrophe minutiös. Eine dokumentarische Spurensuche um zu verstehen, warum soviele Menschen sterben mussten, obwohl Frontex und andere Akteure vor Ort waren.


        Per Videocall zugeschaltet: Regisseurin Amel Alzakout (Foto: Conny Beißler)

Das anfänglich flaue Gefühl, eine künstlerisch-handwerkliche Betrachtung von „Purple Sea“ verbiete sich, vergeht im anschließenden Gespräch schnell. Regisseurin Alzakout und Christina Varia von Forensic Architecture sind per Video zugeschaltet. Philipp Scheffner („Havarie“, „Europe“), der hier für Montage und Dramaturgie verantwortlich zeichnet, hilft, das Gesehene einzuordnen, zu verarbeiten und die Bedeutung der Gewerke aufzuzeigen. Alzakout selbst macht sehr deutlich, warum sie diesen Film unbedingt machen wollte und ihn universal, nicht als Zeugnis ihrer individuellen Fluchterfahrung verstanden wissen will. Der Off-Kommentar einer unzuverlässigen Erzählerin, der verschiedene Varianten einer Geschichte zulässt, sowie die bewusste Auslassung der Rettung,  spiegeln dabei zwei zentrale, dramaturgische Entscheidungen wider: „For me, the boat is still out there“, sagt Alzakout nachdrücklich und meint damit weniger ihr eigenes Trauma als die Tatsache, dass noch immer täglich Menschen im Mittelmeer ertrinken.

Dramaturgie und Montage

Neben der inhaltlichen Konzeption war allein die dichte Programmierung eine Herausforderung, der sich sowohl Fachpublikum als auch filmbegeisterte Laien stellten. Die dfi lud neben Regisseur:nnen auch Expert:innen aus Filmtheorie und -praxis ein, um anhand von Werkstattgesprächen, Vorträgen, gemeinsamen Sichtungen und Diskussionen über das Verhältnis von Dramaturgie und Montage miteinander ins Gespräch zu kommen. Ein roter Faden in Anlehnung an den Titel des Symposiums erschloss sich eher nicht. Zentral waren dagegen Fragen, die Filmwissenschaftler Volker Papenburg am Rande seines Vortrags zu Harun Farockis Installation „Schnittstelle“ in Bezug auf dokumentarische Formen insgesamt stellte: Welche Bilder müssen gezeigt werden? Warum sollten wir uns diesen Bildern überhaupt aussetzen?

Die ausgewählten Dokumentarfilme lieferten verschiedene Antworten. „Regeln am Band bei hoher Geschwindigkeit“ (R: Yulia Lokshina) nähert sich mit klarer Haltung präker beschäftigten, osteuropäischen Arbeitern in der deutschen Fleischindustrie an. Ute Adamczewski gab in einem detailreichem Werkstattgespräch Einblick in das Sounddesign von „Zustand und Gelände“, der sich an die Orte vergessener „wilder Konzentrationslager“ der NS-Zeit begibt. Die Erläuterung der jahrelangen Genese des vierstündigen Dokumentarfilms „Unas Preguntas“ von Kristina Konrad rief den Quellenwert dokumentarischen Materials in Erinnerung und gab Auskunft über demokratische Prozesse nach dem Ende der Diktatur in Uruguay 1986. Neben dem bereits erwähnten „Purple Sea“ berührten aber vor allem zwei weitere Filme mit autobiografischem Zugang.


        Philip Scheffner und Alejandro Bachmann (Foto: Conny Beißler)

Prägungen und Tabus

„Michael Ironside and I“ und „Lamarck“, beide von Marian Mayland, könnten sich in Stil, Ästhetik und Narration kaum stärker unterscheiden. Als Programm waren sie für das nachfolgende Panel dennoch treffend kombiniert. Wie Mayland im Gespräch mit Jan Wagner (Leiter des Projektförderungsprogramms Filmlab an der Filmwerkstatt Düsseldorf) erklärte, sind beide Arbeiten aus einer Idee hervorgegangen. Die Found Footage-Montage „Michael Ironside and I“ lotet leere Räume aus drei Kultfilmen der 1980er/90er Jahre aus. Ein Off-Kommentar hinterfragt die dort kolportierten Stereotypen von Männlichkeit, mit denen auch Mayland aufgewachsen ist. „Lamarck“ nähert sich unter Offenlegung der filmischen Situation einem Tabuthema im familiären Umfeld an. In Gesprächen mit Eltern und Bruder setzt sich Mayland selbst ins Bild und mit dem Schweigen über Tabus auseinander. Fragen nach familiärer und gesellschaftlicher Prägung, psychische Gesundheit und Suizid verbinden beide Arbeiten miteinander. Autodidaktin Mayland, die „noch nie eine Filmschule von innen“ gesehen hat, zeichnet ein einfühlsamer Umgang mit diesen sensiblen Themen aus, was sich auch in einer behutsamen Montage offenbart.

Angesichts der drängenden politischen Themen, die zwei Tage lang am filmischen Gegenstand verhandelt wurden, störte es kaum, dass die inhaltliche Klammer in den Hintergrund geriet. Die Konstellationen der Gewerke Montage und Dramaturgie wurden so vielfach gestreift, verwoben und diskutiert – wenn auch nicht nachvollziehbar verknüpft. Trotzdem zeugte das Symposium von einem großem Interesse an dokumentarisch-experimentellen Formaten wie unbequemen Themen und warf Fragen auf, die lange nachwirken dürften.

Maxi Braun

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