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Ehrengast und Protagonistin von „Erzähl es niemandem!“: Lillian Crott Berthung
Foto: Rebecca Ramlow

Sie hätte gern ein Schild hochgehoben

30. Januar 2017

„Erzähl es niemandem!“ bei Stranger than Fiction – Foyer 02/17

Sie war 19, als sie 1942 in ihrer norwegischen Heimat den deutschen Besatzungssoldaten und ihren späteren Ehemann Helmut kennen- und lieben lernte. Heute ist Lillian Crott Berthung 94 Jahre alt. Trotzdem ist die Autorin und Protagonistin zur Premiere des Dokumentarfilmes „Erzähl es niemandem!“ beim Dokumentarfilmfestival Stranger than Fiction (27.1.-8.2.) erschienen. Der Applaus ist groß, als sie und ihre Tochter Randi Crott in einer der mittleren Reihen Platz nehmen. Ausverkauft ist der Saal im Filmforum NRW. Die bewegende deutsch-norwegische Familiengeschichte vor dem Hintergrund der Besatzung durch die Deutschen  ist tatsächlich seltsamer als Fiktion sein kann und ein Highlight des Festivals. Randi, die gemeinsame Tochter von Helmut und Lillian, würde heute schließlich nicht leben, hätte es Hitler nicht gegeben. Ein merkwürdiger Ausgangspunkt eines Lebens. Sehr lange erzählte Lillian niemandem von ihrer komplizierten Liebesgeschichte – zu groß war das Tabu, als Norwegerin einen Deutschen zu lieben. Ihr Mann hatte sie gebeten zu schweigen. Erst nach seinem Tod beginnt sie, ihre Geschichte aufzuschreiben. Ihre Tochter hilft ihr dabei. Ebenfalls im Erwachsenalter erfährt diese, dass ihr Vater unter anderem jüdische Wurzeln hatte. Auch das blieb ihr lange verschwiegen. Das Resultat ist das 2012 erschienene Buch „Erzähl es niemandem!“.

Regisseur Klaus Martens („Wir die Wand“) hat sich dieser bewegenden Familiengeschichte voller Geheimnisse mit einer gleichnamigen Filmadaption sensibel angenommen. Trotz der Schwere des Themas gelingt es ihm, eine gewisse Leichtigkeit in die Dramatik zu bringen. Vielleicht liegt das aber auch an der charmanten Hauptdarstellerin, die mit trockenem Humor und stets freundlichem Lächeln in fließendem Deutsch durch die Geschichte führt. So sitzt Lillian mit 87 Jahren zu Beginn des Films fidel mit einer Urne im Flugzeug, um ihren Ehemann dort zu begraben, wo sie sich kennengelernt haben. Im verschneiten Norwegen. Dazu der Satz: „Normalerweise würde ich jetzt mit ihm fliegen, aber heute begleitet mich eine Urne“, woraufhin sie versucht, ihren verstorbenen Mann unter den Schneemassen zu begraben, was anfangs nicht ganz zu gelingen scheint. Was ihr sofort auffiel, als sie ihn das erste Mal sah, war: „Mein Gott, hat der schöne Zähne. Wie schrecklich nur, dass er deutsch ist.“ Ihren Eltern verschweigt sie, dass sie sich mit einem Deutschen trifft. Von ihren Freunden wird sie angefeindet. Eines Tages erzählt Helmut ihr, dass seine Mutter Jüdin ist. Seine Uniform sei nur Tarnung. Ein weiteres Geheimnis, das die beiden von nun an teilen. Sie schwört sich, ihn für immer zu lieben. Egal, was komme. Und das gelingt ihr auch.

1945 wird Helmut in ein Kriegsgefangenenlager gebracht. Auf abenteuerliche Weise schafft Lillian es, ihn nach langer Zeit wieder zu treffen. Die anschließende gemeinsame Zeit in Deutschland beschreibt sie als etwas schwierig: „Niemand hat gerne über dieses Thema gesprochen, es wurde geschwiegen. Ich hätte manchmal gerne geschrien.“ Überall fühlt sie sich nur halb dazugehörig. Manchmal wäre sie auch gerne mit einem Schild herumgelaufen: „Er ist kein Rassist.“ Aber das ging ja nicht. Neben der persönlichen Liebesgeschichte der Eltern thematisiert der Film auch, abwechselnd zwischen Norwegen und Deutschland pendelnd, die Fragestellungen der Tochter, die sich auf Spurensuche nach ihrem Vater begibt, was den Film zu viel mehr macht als einem reinen Liebesfilm: Das Themenspektrum reicht von der Verfolgung der Juden über die deutsche Besatzung bis hin zu den Problemen der Vergangenheitsbewältigung nach dem Krieg.

Der Applaus ist jedenfalls groß, als Regisseur Klaus Martens seine Crew und die beiden Protagonistinnen nach vorne bittet. Und wieder lächelt Lillian Crott Berthung trotz aller Strapazen und trotz sehr hohen Alters. Man spürt: Hier ist etwas Großes entstanden, aber eigentlich ist es gar nicht entstanden. Es war ja schon da. Und es war seltsamer als alles Erdachte.

Am 2. Februar kommt „Erzähl es niemandem!“ in die Kinos.

Rebecca Ramlow

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