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„Der politische Kampf spiegelt sich auch im Kino“

20. Dezember 2018

Kristina Jaspers über „Kino der Moderne“ in der Bundeskunsthalle – Interview 01/19

Zwischen Avantgarde und Product-Placement: Kuratorin Kristina Jaspers spricht über die Ausstellung zur Filmkultur in der Weimarer Republik.

choices: Frau Jaspers, wie macht man aus einer Kunsthalle einen Kinopalast?
Kristina Jaspers: Das ist eine gute Frage. Wir haben drei Kinos als Blackboxes eingebaut. Film ist aber auch nicht nur Kino. Um etwas über Film in der Weimarer Republik zu zeigen, ist es auch spannend, Requisiten und Dokumente auszustellen, zu zeigen wie Filme produziert wurden, wie die Kostüme aussahen. Dann das ganze Kamera-Equipment und auch wie damals über Film nachgedacht wurde, in der Filmkritik und Filmtheorie. Da landet man dann doch wieder bei klassischen Exponaten, aber wir zeigen auch viel Film.

Laut wird es ja wohl nicht. Filme in der Weimarer Republik waren in der Hauptsache Stummfilme, oder?
Ja. Das waren Stummfilme, aber die wurden gar nicht stumm gezeigt. Wir haben viele Spielfilmausschnitte extra vertonen lassen und den Pianisten Richard Siedhoff gebeten, passende Musikbegleitung zu spielen. Und wir zeigen auch Filme, zu denen berühmte Komponisten wie Hanns Eisler oder Paul Dessau Kompositionen geschrieben haben. Und man darf nicht vergessen, die Weimarer Republik geht bis 1933, und 1929 wurde bereits der Tonfilm eingeführt. Das heißt, es gibt Musik zu hören – eine ganze Menge sogar.

Kristina Jaspers
Foto: privat
ZUR PERSON
Kristina Jaspers studierte der Kunstgeschichte und Philosophie in Hamburg und Berlin und ist seit 2001 Kuratorin an der Deutschen Kinemathek – Museum für Film und Fernsehen, Berlin. Sie ist Herausgeberin und Autorin zahlreicher kulturwissenschaftlicher Publikationen, zuletzt „Things to Come: Science · Fiction · Film“.

Wo steckte die Avantgarde? Nur beim Sternenhimmel von Fritz Lang oder bei Karl Grune und seinen Straßenfilmexperimenten?
Die Autoren haben sich in den 1910er Jahren noch nicht so sehr für das Kino interessiert. Aber in den 1920er Jahren, als man merkte, das wird stilistisch viel ausgefeilter, da haben sich dann Autoren wie Arthur Schnitzler, Frank Wedekind, auch Thomas oder Heinrich Mann für das Medium interessiert und die fanden sehr reizvoll, dass es ein so populäres Medium ist, das viele Menschen interessiert hat. Das Gleiche gilt für den Avantgardefilm. Auch Künstler wie Hans Richter wollten eher ein breites Publikum, die breiten Massen mit ihren Filmen erreichen und nicht nur Experimentalfilme für eine kleine Gruppe zeigen.

Langsam kroch die Urbanität der Metropolen in die kleinen Städte und dennoch rief ständig noch der wilde Berg?
Das zeigt die Ausstellung in der Tat. Film erstmal als Großstadt-, als urbanes Phänomen, wo es um Verkehr geht, um Vergnügen, aber auch um die Sehnsucht nach Natur. Das bediente dann der sogenannte Bergfilm oder auch die Filme, die am See oder Meer spielen. Beim Bergfilm gibt es Briefe an den Regisseur Arnold Fanck, dass man endlich wieder die Erhabenheit des Filmes spüren könne. Zugleich sind das auch beeindruckende Actionfilme mit rasanten Skifahrten.

Und die haben Filmaufnahmen in den Bergen gemacht, die man heute kaum noch rekonstruieren kann?
Man merkt eine große Experimentierfreudigkeit und unter extremsten Bedingungen wurde da auch das ganze Equipment erstmal in die Berge hochgeschleppt. Und man sieht, auch die Stunts waren wirklich waghalsig. Wir zeigen auch eine Debrie-Kamera, die auf einen Ski geschnallt ist, mit der Abfahrten gefilmt wurden. Das war durchaus gefährlich.

Bogner hatte es leichter.
Ja, das erinnert natürlich später an die James-Bond-Filmarbeiten von Willy Bogner.

Obwohl das alles, Weltraum, Glamour, in die Köpfe gelangte, kam der Nationalismus. Waren es einfach zu wenig Kinos damals?
Das Kino der Moderne ist der Moderne zugewandt, ganz grundsätzlich. Aber es gab immer auch rückwärtsgewandte Tendenzen. Es gibt die Fridericus-Rex-Filme in der Zeit, die von einem absolutistisch regierten Preußen träumen, und wir finden auch, beispielsweise wenn ich an die Sportfilme denke, Massenchoreografien von links und rechts. Auch der Arbeitersport nutzt die Massenornamentik. Der politische Kampf spiegelt sich auch im Kino, und die verschiedenen Tendenzen, sowohl ästhetisch, als auch thematisch, kann man an dem Kino der Zeit ablesen.

Ende der 1920er Jahre explodierte das Medium Tonfilm im Kino. Es war wohl auch der Beginn von Modernität für das gemeine Volk durch Nacheiferung von Idolen, in Mode, Makeup usw.?
Absolut. Der Film wird ganz schnell zum Leitmedium und setzt neue Vorbilder. Das merken wir an verschiedensten Dokumenten, dass die Mode imitiert wird. Der Bubikopf wurde durch das Medium Film propagiert, sodass die Frauen sich die Haare abschneiden ließen. Wir zeigen auch kleine Photomaton-Bilder, selbst arrangierte Passfotos, auf denen man sieht, dass sich wirklich auch die Durchschnittsfrau, der Durchschnittsmann in Pose setzen wollte wie ein Filmstar.

Der neue Bubi-Look: Louise Brooks und Speedy Schlichter „Tagebuch einer Verlorenen“ (G. W. Pabst, 1929), Foto: Deutsche Kinemathek – Fotoarchiv

Und die Industrie hat schnell erkannt, wie ich eben gesehen habe, dass man schon Werbung verkauft hat?
Es geht sehr früh los, dass Marlene Dietrich oder Leni Riefenstahl für Ponds-Creme Werbung machten, dass also Filmstars als Werbeträger genutzt wurden. Im Film „Asphalt“ (D 1929) wurden die Schaufenster für Product-Placement vermietet. Das sind keine neuen Phänomene. Das wurde alles schon in den 1920er Jahren gemacht.

War das letztlich ein Stück weit auch eine Aufwertung des Frauenbildes oder nur die Modifizierung eines Rollenklischees?
Gute Frage. Wir haben ein großes Kapitel zum Thema Gender. Die neue Frau ist das Schlagwort der Zeit. Die weibliche Emanzipation spielt eine große Rolle. Und das merkt man auch an den Rollenbildern, die Frauenrollen sind sehr vielfältig. Wir haben die berufstätige Frau, die selbstbewusste Frau. Insofern glaube ich, dass da schon neue Chancen eröffnet werden. Wir zeigen auch viele Dokumente von Frauen hinter der Kamera, die heute völlig unbekannt sind. Regisseurinnen, Produzentinnen, Drehbuchautorinnen, die damals auch die Chance des neuen Mediums nutzten, um selber kreativ zu arbeiten.

Wer sein Leben lang nur Lindenstraße gesehen hat, kommt der mit der Ausstellung klar?
Ich glaube, ja. Diese Ausstellung ist toll inszeniert. Wir haben ein wunderbares Architekturbüro gewonnen, das die Weimarer Republik auch als eine Art Filmkulisse inszeniert hat. Es gibt sehr schöne Kostüme auf historischen Puppen. Es gibt große Schauwerte. Wir zeigen die Filmausschnitte in bestmöglicher Qualität, viele sind restauriert. Ich glaube, das Kino der Zeit ist einem gar nicht so fern, wie man vielleicht zunächst glaubt.  

Kino der Moderne – Film in der Weimarer Republik | bis 24.3. | Bundeskunsthalle Bonn | 0228 917 10

INTERVIEW: PETER ORTMANN

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