Das Provokationspotential hat Vladimir Nabokovs Roman „Lolita“ auch in der Monologfassung für die Bühne offenbar noch nicht verloren. Angesäuert verlassen einige Zuschauer die Vorstellung im Theater Tiefrot. Pädophilie und dann noch aus der Sicht des Täters Humbert Humbert, das ist schwer zu verdauen. Im Theater Tiefrot ist eine Zelle in Kreuzform (Achtung: Kirche!) mit Wänden aus Kunststofffolie aufgebaut. Darin bilden ein Kühlschrank und ein Stuhl sowie schwarze Ballons die Koordinaten. Volker Lippmann als Humbert tigert wie ein hospitalisiertes Tier hin und her. Die rot gefärbten Haare und der weiße Anzug zitieren noch einen anderen Pädophilen herbei: Gustav von Aschenbach aus Thomas Manns Erzählung „Der Tod in Venedig“.
Humbert zitiert Dante als literaturwissenschaftliche Rechtfertigung seiner Lust und stilisiert sich zum „eingeweihten Nympholektiker“, der mit Euphorie den ersten Schamhaarbewuchs bei 11jährigen Mädchen feiert. Lippmann schlägt sofort einen manischen Ton mit gelegentlichen Ausbrüchen in forcierte Gefühlzustände an. Selbst wenn er erzählt, wie er bei Miss Haze einzieht, mit ihr schläft und sie heiratet, nur um an ihre Tochter Lolita heranzukommen, gewinnt sein Flanieren im Käfig keine Lockerheit. Es liegt etwas Blasiertes in seinen psychologischen Analysen, eine verkrampfte Überdruckerregung in der Beschreibung Lolitas. Die Inszenierung von Gila Abutalebi und Volker Lippmann hält die Figur durch den Filter der selbst erzählten Krankengeschichte von Beginn an auf Distanz. Nur gelegentlich klingen das zynische Pathos, die zerstörerisch-brutale Leidenschaft, aber auch die lächerliche Tragik Humberts an. Dass er sich nach dem Tod der Mutter um Lolita „kümmert“, angeblich von ihr verführt wird und schließlich beim Herumreisen auch vor der Selbsterniedrigung nicht Halt macht – all das entspringt nicht zuletzt auch einer erzählerischen Strategie, die – als Rechtfertigung vor Gericht gedacht – mehr ist als das Gebrüll eines Psychopaten in Unterhose, der im Tiefrot am Ende durch die Zelle tobt.
„Lolita“ nach Vladimir Nabokov
R: Volker Lippmann und Gila Abutalebi
Theater Tiefrot I 25./26.12./7./8.1., 20.30 Uhr
www.theater-tiefrot.com
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