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Christian Fuchs
Foto: Stephan Pramme

„Eine Gefahr für die Demokratie“

08. Oktober 2019

Christian Fuchs über das Netzwerk der Neuen Rechten – Interview 10/19

Zeit-Journalist Christian Fuchs hat gemeinsam mit Paul Middelhoff den Bestseller „Das Netzwerk der Neuen Rechten“ geschrieben. Dafür ist er quer durch Europa gereist und hat 2018 den Deutschen Reporterpreis erhalten. Am 10. Oktober um 19 Uhr lädt die Kampagne „Kein Veedel für Rassismus“ im EL-DE-Haus zur Lese-Show „Wie gefährlich sind die Neuen Rechten – auch in Köln?“ ein, wo Fuchs mithilfe von Texten, Bildern und Videos über das neurechte Milieu aufklären und über mögliche Gefahren für Köln sprechen wird.

choices: Herr Fuchs, Sie beschäftigen sich seit über einem Jahrzehnt mit der rechten Szene in Deutschland. Durch anhaltende Wahlerfolge der AfD und immer zahlreicheren Aufmärschen des rechten Milieus entsteht seit längerer Zeit der Eindruck eines Rechtsrucks in der Gesellschaft. Hat sich dieser schon zu Beginn Ihrer Recherchen abgezeichnet?

Christian Fuchs: Zunächst muss man ganz klar sagen, dass wir hier über eine Strömung innerhalb der extremen Rechten in Deutschland sprechen, die sogenannten Neuen Rechten. Es gibt sie zwar schon seit den 50er Jahren, aber dass sie es geschafft haben, die Gesellschaft zu verändern und einen Rechtsruck herbeizuführen, das gelingt der Neuen Rechten erst seit etwa fünf Jahren. Einer der Strategen dieser Szene, Götz Kubitschek, sagt selbst: „Thilo Sarrazin war wie ein Rammbock für uns.“ Sarrazin hat mit seinem Buch „Deutschland schafft sich ab“ rassistische Ressentiments gesellschaftsfähig gemacht. Und dann kam mit dem großen Zuzug von Migranten ab 2014 noch ein gewisses Momentum dazu. Es gab Menschen, die davor Angst hatten, die auf die Politik der Regierung wütend waren und mit Pegida auf die Straßen gegangen sind. Und da haben die Strategen der Neuen Rechten gemerkt, dass sie an dieses Klima andocken können, um ihre Themen in die Mitte der Gesellschaft zu bringen. Das ist der große Unterschied zu den extremen neonazistischen Rechten von früher. Die Neue Rechte ist in alle Parlamente eingezogen, sie hat ein System von Stiftungen, Vereinen, Thinktanks und Kulturorganisationen aufgebaut, hat eigene Musiker, eigene Klamottenmarken und so weiter. 

Für Ihr Buch „Das Netzwerk der Neuen Rechten“ haben Sie gemeinsam mit Paul Middelhoff recherchiert. Wie sind Sie die Recherche angegangen? Wie haben Sie den Kontakt in die rechte Szene hergestellt?

Das war ein sehr langer Prozess. Wir haben vor ungefähr drei Jahren damit angefangen, interessanterweise in Köln. Damals wollten wir mit Kolleginnen und Kollegen von der „Zeit“ die Silvesternacht rekonstruieren. Wir haben mit vielen Betroffenen gesprochen, natürlich auch mit der Polizei darüber, was dort schiefgelaufen ist. Während unserer Recherche sprach ich auch mit einem Vertreter von „pro Köln“. Und der sagte dann nach einer Stunde Gespräch zu mir: „Wissen Sie was, Herr Fuchs? Jetzt waren Sie 50 Jahre an der Macht, jetzt sind wir dran.“ Erst habe ich gar nicht verstanden, was er damit meinte. Für ihn verläuft Geschichte immer wie ein Pendel, sodass nun die Rechten wieder an der Reihe seien. Natürlich habe ich das zunächst nicht ernst genommen. Doch mit der Zeit sind immer neue rechte Stiftungen und Vereine aus dem Boden geschossen. Und daraufhin haben wir unsere investigativen Recherchen begonnen, haben versucht, Aussteiger zu finden und an interne Unterlagen zu kommen. Wir waren auf vielen Veranstaltungen, haben Parteitage der AfD und Festivals der Identitären Bewegung besucht und haben Politiker in ganz Europa getroffen wie beispielsweise Steve Bannon, den Ex-Berater von Trump. All diese Dinge haben uns bewusst werden lassen, dass der Rechtsruck nicht zufällig passiert, dass eine Strategie dahinter steckt: Erst die Kultur im Land zu verändern und danach die politische Macht zu übernehmen.

Bergen diese Nachforschungen nicht auch Gefahren?

Bei den „alten“ Neonazis musste man wirklich physische Gefahr fürchten, wenn man Demonstrationen besucht hat oder ein Interview mit einem Aussteiger hatte und nicht wusste, ob er schon wirklich ausgestiegen ist. Bei der Neuen Rechten besteht diese Gefahr eher nicht. Nach außen hin geben sie sich als bürgerliche, wohlgebildete Intellektuelle. Hier besteht die Gefahr eher durch Shitstorms nach der Berichterstattung. Wir haben Strategiepapiere einer Trollarmee in die Hände bekommen, bei der sich über 8000 Menschen zusammengeschlossen haben und versuchen, Kritiker mundtot zu machen. Es gab Kollegen, die Fotos von ihren Hauseingängen zugeschickt bekommen haben, es gab Einbrüche. Also all diese Sachen, bei denen psychologischer Terror aufgebaut wird, um Menschen einzuschüchtern, die transparent machen wollen, was dort im Hintergrund geschieht.

Die Vernetzung dieser rechten Organisationen, die Sie beschreiben, geschieht viel über Social Media. Ist das der Hauptunterschied für den Erfolg der Neuen Rechten im Vergleich zu den Rechten von vor 20 Jahren?

Absolut. Ich würde sagen, die Neue Rechte, die in ganz Europa und auch in Amerika mit der Alt-Right-Bewegung und Trump reüssiert, wäre nicht möglich gewesen ohne das Internet und soziale Medien. Vor allem Facebook hat einen großen Anteil daran, weil es möglich ist, sich über Orte hinweg schnell und günstig zu verbinden, und weil die Neuen Rechten sehr polarisieren. Egal ob Menschen ihre Inhalte gut finden oder nicht, es wird darüber gestritten, und das wird dann vom Algorithmus als relevant wahrgenommen, weil sehr viel Resonanz zu einem Thema kommt. Dadurch wird es auch Leuten angezeigt, die eigentlich gar nichts damit zu tun haben. Das passiert aber natürlich auch, weil die Strategen der Neuen Rechten sehr intelligente Taktiken fahren und auf Kanälen wie YouTube oder Instagram jüngere Zielgruppen ansprechen. Da kommen sie natürlich viel harmloser und bürgerlicher herüber, als die stiernackigen, Springerstiefel tragenden Hooligans, die man früher kannte. Doch davon sollte man sich nicht täuschen lassen. Die physische Gefahr, die von Neonazis ausging, war für einen Reporter schwierig, aber jetzt besteht eine Gefahr für die Demokratie. Die Neue Rechte will eine Revolte schaffen, eine Art Rückabwicklung der vielen Errungenschaften der westlichen Demokratien wie die Gewaltenteilung, die Pressefreiheit oder die Meinungsfreiheit.

Am 10. Oktober stellen Sie Ihr Buch im NS-Dokumentationszentrum vor und sprechen über mögliche Gefahren für Köln. Welche Entwicklungen sehen Sie besonders kritisch?

In Köln direkt gibt es vor allem eine Burschenschaft, wo mehrere Personen mittlerweile Mitarbeiter der AfD oder bei der Identitären Bewegung sind. Außerdem sitzt eine der größten Hetzseiten der Neuen Rechten in Köln. Die ist vor allem dazu da, den Diskurs im Netz zu verrohen und Leute aufzustacheln, vor allem gegen Migranten und liberale Demokraten. Ich bin selbst auch schon angegriffen worden. NRW ist allgemein das Bundesland, in dem die meisten Organisationen der Neuen Rechten sitzen. Es gibt wichtige Verlage in NRW, es gibt einen Radiosender, der Hauptsitz der Identitären Bewegung ist in Paderborn. Für Publizisten ist NRW ein wichtiges Betätigungsfeld.

Welchen Rat würden Sie den Menschen geben, wie sie sich am besten gegen Rechtsextremismus schützen können?

Wichtig ist vor allem, sich nicht mehr am Diskurs der Neuen Rechten zu beteiligen. Auch wenn das Netzwerk groß erscheint, gibt es sehr wenige aktive Funktionäre. Wir gehen von nicht mehr als 150 in ganz Deutschland aus, die die Strippen ziehen und überall in den Firmen und Vereinen sitzen. Die bekommen ihre Macht dadurch, wenn wir darüber berichten, wenn wir sie wahrnehmen, uns darüber aufregen. Darum sollte man nichts mehr über die sozialen Medien weiterleiten oder dagegen „haten“. Mit jedem Kommentar und jedem Teilen rankt der Algorithmus die Inhalte höher. Und ganz wichtig finde ich, dass in der Zivilgesellschaft jeder merken muss, dass die Demokratie, wie wir sie die letzten 70 Jahre hatten, nicht selbstverständlich ist. Wenn einem die Demokratie wichtig ist, muss man sich zum Beispiel bei „Fridays for Future“ engagieren oder in eine Partei eintreten. Aber nicht in Gegenwehr zu Neuen Rechten. Man sollte ihr Thema Migration ignorieren und seine eigenen Themen setzen.

Gilt das auch für die AfD? Die sitzt ja mittlerweile in allen Landtagen. Sollte man deren Themen auch einfach ignorieren?

Die AfD ist mittlerweile zu großen Teilen dominiert von der Strömung „Der Flügel“, der völkisch-nationalen Bewegung innerhalb der AfD. Und das sind vorwiegend Neue Rechte. Und darum finde ich, dass die Politikerinnen und Politiker in den Parlamenten die AfD argumentativ stellen müssen. Sie müssen nachfragen: Was ist euer Rentenkonzept? Was macht ihr gegen den demographischen Wandel? Was ist eure Idee für die Digitalisierung in Deutschland? Und wenn da nichts kommt, dann kann man sie glaube ich an diesen Punkten stellen und darf sich nicht darauf einlassen, immer wieder über ihr einziges Thema, nämlich Migration, zu reden, weil sie da immer als kompetent wahrgenommen werden. Und den Gefallen darf man ihnen nicht tun.

Christian Fuchs, Paul Middelhoff: Das Netzwerk der Neuen Rechten | Rowohlt Polaris | 288 S. | 16,99 €

Interview: Mathis Beste

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