Kinokalender
Mo Di Mi Do Fr Sa So
4 5 6 7 8 9 10
11 12 13 14 15 16 17

12.479 Beiträge zu
3.734 Filmen im Forum

Von Theo Beckers betreute Hitlerjungen bei einem Propagandamarsch um den Kölner Dom, 1935, Fotograf: Theo Beckers © NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln

Gott und Nationalsozialismus

15. Juni 2022

Theo Beckers Bilder im NS DOK – Kunst 07/22

Ihren Glauben an Gott und den Nationalsozialismus vereinten viele Deutsche in einer Religiosität, die aus heutiger Perspektive rätselhaft erscheint. Während des NS-Regimes fügten sich Christen den menschenverachtenden Ideologien der Machthaber trotz des kirchlichen Grundsatzes der Nächstenliebe.

Als Nazi-Hochburg und Zentrum des Katholizismus erlebten auch die Kölner den täglichen Widerspruch zwischen Humanismus und Gewalt unter dem Hakenkreuz. Dass Weltanschauungen sich nicht in der Gläubigkeit oder Verehrung erschöpfen, sondern erst durch die Folgsamkeit ihren Bestand sichern, gilt dabei für politische wie geistliche Herrschaftsansprüche. Als leidenschaftlicher NSDAP-Anhänger und Katholik schmückten Theo Beckers' Arbeitszimmer Madonnenbilder sowie Portraits von Adolf Hitler. Zu kirchlichen Veranstaltungen erschien der 1914 in Deutz geborene Sohn einer Hausfrau und eines Volksschullehrers mitunter in Uniform eines HJ-Funktionärs. Vermutlich wäre Beckers als loyaler Systembefürworter nicht weiter in Erscheinung getreten, hätte er nicht die Fotografie als Hobby entdeckt.

Auf rund 80.000 Aufnahmen brachte es der 2003 verstorbene Zahntechniker. 2018 erwarb das NS DOK einen umfassenden Bestand. 300 Bilder aus dem Zeitraum 1933 bis 1937 werden jetzt der Öffentlichkeit gezeigt. Die Motive zeigen den Alltag auf Straßen, Plätzen oder in Privaträumen. Beckers dokumentierte Ausflüge mit den 10- bis 14-jährigen Pimpfen des Jungvolks, politische Aufmärsche und Prozessionen. Dabei zeigt sich kein Leid, keine Not spricht aus den Gesichtern. Im Gegenteil zeugen die Dokumente von Zufriedenheit, Stolz und Dynamik einer Welt, wie sie der Fotograf sehen wollte, während die Eingriffe in Freiheitsrechte sowie die Anfeindungen gegen jüdische Mitbürger stetig voranschritten. „Lediglich auf einigen Bildern von Rosenmontagszügen erkennt man den Antisemitismus anhand der Gestaltung von Karnevalswagen deutlich“, erklärt Kuratorin Hanne Leßau. Beckers habe sich später in Gesprächen vom Rassenwahn und den Verbrechen der Nazis distanziert und dem NS-Dokumentationszentrum seine Sammlung angeboten. „Wir möchten auf die Vereinbarung von Gottesfurcht und Diktatur keine absolute Aussage tätigen. Diese Frage werden sich die Ausstellungsbesucher vielleicht selbst stellen und beantworten“, so Leßau.

Theo Beckers. Ein junger Nationalsozialist fotografiert Köln | bis 18.9. | NS Dokumentationszentrum | www.nsdok.de 

Thomas Dahl

Hat Ihnen dieser Beitrag gefallen? Als unabhängiges und kostenloses Medium sind wir auf die Unterstützung unserer Leserinnen und Leser angewiesen. Wenn Sie uns und unsere Arbeit finanziell mit einem freiwilligen Betrag unterstützen möchten, dann erfahren Sie über den nebenstehenden Button mehr.

Neue Kinofilme

Thor: Love and Thunder

Lesen Sie dazu auch:

Die letzte Bastion der Freiheit: Humor
„Philibert & Fifi“ im EL-DE Haus – Interview 10/21

Humor gegen Unmenschlichkeit
„Philibert und Fifi“ im EL-DE Haus – Kunst 09/21

Nicht politisch
„1934 – Stimmen“ von Futur3 fragt, wie Menschen sich radikalisieren – Auftritt 10/20

„Eine Gefahr für die Demokratie“
Christian Fuchs über das Netzwerk der Neuen Rechten – Interview 10/19

Spektrum der Erlebnisse
Ausstellung über Kölner Kriegserfahrungen im NS-DOK – Spezial 09/19

Mord in roten Roben
Ausstellung zum Volksgerichtshof des NS-Dok – Spezial 03/19

Die nächsten Generationen
„Nachlass“ im Odeon – Foyer 10/18

Kunst.

Hier erscheint die Aufforderung!