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„Der letzte Bürger“
Foto: Thilo Beu

Westdeutsche Familienaufstellung

22. Februar 2018

„Der letzte Bürger“ am Theater Bonn – Theater am Rhein 03/18

Bürger sein und politisches Bewusstsein haben – geht das zusammen? „…mit dem Besten, was in mir ist, bin ich stets ein animal politicum gewesen und wünschte, ein Bürger zu sein. Das ist nicht möglich in unserer Nation“, sagte schon 1899 der Historiker Theodor Mommsen. Leo Clarenbach, die Hauptfigur in Thomas Melles neuem Stück „Der letzte Bürger“, glaubt auch nicht so recht daran. Er hat bis 1989 als Westdeutscher für die DDR spioniert, um seine Klasse quasi abzuschaffen, der er mit Ehefrau und drei Kindern trotzdem nicht entkommen konnte. Er kam in den Knast. Jahrzehnte später versammeln sich seine drei Kinder samt ihren Kindern um das Bett des dementen Leo und nehmen mit diversen Rückblenden ihre misslungenen Lebensläufe auseinander. Schon der Anlass für diesen familiäre Showdown bleibt schwach: Die Lebensläufe der hedonistischen Wiebke, der schuldbeladenen Holm und des selbstgerechten Jasper sind zu wenig verzahnt, um dramatisch aufgeladen zu werden, und eine Diskussion – anders als im Missbrauchs-Stück „Das Fest“ – mit dem dementen Vater ist unmöglich.

Die Schwäche der Vorlage kann auch Regisseurin Alice Buddeberg nicht auflösen. So beeindruckend und assoziationsreich die Bühne mit ihrer gewaltigen durchbrochenen Lamellenwand sein mag: Die Figuren gruppieren sich in wenig zwingenden Arrangements davor und warten, bis sie dran sind. Die Bühne als Wartezimmer. Auch die Idee, die historischen Szenen in Videos zu verbannen und Bühnenfiguren mit ihrem digitalen Gegenüber sprechen lassen, erweist sich als kontraproduktiv. Manches wirkt dadurch schlicht therapeutisch wie bei einer Familienaufstellung. Die Figuren agieren aus, was die Vergangenheit ihnen vermeintlich auferlegt hat. Plappernde Psycho-Hologramme, denen man ihre Leidenssuada nicht abnimmt. Melles Stück gibt dem Narzissmus seiner Figuren widerstandslos nach, die immer neue Kapitel ihres Scheiterns aufschlagen ohne Erkenntnis- oder Entlarvungswillen. Die Regie findet dafür kaum Bilder, die über Konversationssituationen hinausgehen. Vielleicht hatte Mommsen doch recht: Ein animal politicum ist weder in Melles Stück, noch auf der Bonner Bühne zu finden.

„Der letzte Bürger“ | R: Alice Buddeberg | 8.3., 6.4. 19.30 Uhr | Theater Bonn | 0228 77 80 08

HANS-CHRISTOPH ZIMMERMANN

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