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03/20 Neuer Feminismus

FRAGEN DER ZEIT
Redaktionsskizze: wie choices & Co. das jeweils nächste Thema planen für choices/Köln, engels/Wuppertal und trailer/Ruhr
Drei Magazine in NRW – ein THEMA

Foto: stournsaeh / Adobe Stock

Das andere Geschlecht ist kürzlich 70 Jahre alt geworden. Also die epochale Studie der Philosophin, Schriftstellerin und Feministin Simone de Beauvoir. Solange schon setzen sich Menschen aller Geschlechter mit beispielsweise diesem Satz auseinander: „Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird es“. Heute ist die Gender-Debatte im Alltag angekommen und mit ihr die Erkenntnis, dass zuvor schier unhinterfragte Vorstellungen von geschlechtlicher Identität alles mögliche sind – aber nicht selbstverständlich. Forscher:innen grübeln seit langem darüber, wie Geschlecht und Sexualität biologisch und sozial geprägt werden, welche Ungerechtigkeiten es birgt, wenn als normal nur gilt, wer eindeutig Frau oder eindeutig Mann zu sein scheint und sich auch so fühlt. Diese Diskussionen verändern die Gesellschaft, beispielsweise versuchen Gesetze längst der strukturellen Benachteiligung von Frauen gegenzuwirken oder sie berücksichtigen nun neben männlicher und weiblicher auch eine diverse Identität. Die ausdauernde Kritik am Patriarchat trägt offenbar zur vielbeschworenen Sensibilisierung der Gesellschaft bei.

 

Medienteil EINS: Antifeminismus


Gegen Frauen-Quoten lässt sich leicht poltern: Es ist doch kein Zeichen von Anerkennung, einen Posten mit Hilfe einer unfairen Regel zu ergattern, unfair, weil sie Männer benachteiligt und Frauen wiederum diskriminiert: denn es bedeutet doch, Frauen ‚nach oben zu hätscheln‘, als seien sie dazu aus eigener Kraft nicht in der Lage. Die überwältigende Mehrheit der Frauen hat ohnehin nichts davon, wirken Quoten doch vor allem in CEO-Sphären, und Frauen, die dort mitmischen haben es ohnehin schon geschafft, selbst, wenn sie sich mit der zweiten oder dritten Reihe begnügen müssen. Davon können doch auch männliche Malocher nur träumen. Und vermeintliche weibliche Stärken wie Empathie, Nachsicht und generationelle Verantwortung kommen so hoch oben eh nicht mehr zur Geltung; was kümmert es uns, ob das Böse Zweireiher oder Hosenanzug trägt?, um es in Anlehnung an einen Kabarettisten auszudrücken? Frauen laufen geradezu in die Falle, wenn sie auf solche patriarchalen Aufstiegsangebote eingehen: Sie gestehen ein, es selbst nicht hinzukriegen, erweisen sich als so egoistisch wie sie es den Männern vorwerfen und machen sich zu Komplizinnen der unterdrückerischen und zerstörerischen Wirtschaft des weißen Mannes. Dann ist es doch besser, sich herauszuhalten, beispielsweise den Gender Pay Gap zu akzeptieren; Frauen sind nunmal offenbar nicht so gut in Lohnverhandlungen. Sollen sie halt lernen, Seilschaften so gut zu pflegen, wie es Männer tun; das wäre immerhin eine eigene Leistung. Außerdem kann es doch nicht gut enden, wenn ganze Generationen von Männern verunsichert werden, weil fortlaufend ihre Männlichkeit angeklagt wird, Männer sich schämen sollen, Männer zu sein. Echte Kerle sollen aussterben aus, damit alles gut werde? Soll die Zukunft weichen Kerlen und harten Weibern gehören?

 

Medienteil ZWEI: Bunter Feminismus


Intersektionalität. Ein Begriff, noch sperriger als „Nachhaltigkeit“. Formuliert hat ihn die Juristin Kimberlé Crenshaw in den späten 1980er Jahren. Er betont die Verwobenheit unterschiedlicher Diskriminierungen, mit Blick beispielsweise auf Geschlecht, Religion oder Ethnie. Danach ist eine Frau Opfer struktureller Diskrimierung nicht nur, weil sie eine Frau ist, sondern beispielsweise auch, weil sie Muslimin und PoC ist, Migrantin, Behinderte, LGBTQ, Geringverdienerin usw. Ein Feminismus, der diese Verwobenheiten außen vor lässt, macht sich unweigerlich neuer Diskrimierungen schuldig, betonen Kommentator:innen. Beispiel: Die Vorstellung der Führungsriege des Seehoferschen Heimatministeriums zog im März 2018 Spott und Empörung auf sich. Der Bundesminister präsentierte sich inmitten acht anderer Männer, von keiner Frau eine Spur. Die Forderung, das Ministerium nun möglichst paritätisch zwischen Männern und Frauen zu teilen, ist der Autorin Jacinta Nandi zufolge Ausdruck von weißem Feminismus. Sich hier an einer mangelnden Frauenquote zu stören, deutet sie als Ignoranz, sorge das „nationalistische und nostalgische“ Ministerium doch dafür, dass das Leben von nicht-weißen und nicht-deutschen Menschen „beschissener“ werde. Die Forderung, dass da doch bitte auch Frauen mitmachen dürfen sollen, scheint ihr umso absurder, da es letztlich auf die Unterdrückung auch von Frauen durch Frauen hinauslaufe. Braucht es also einen inklusiven Feminismus, einen, der noch viel sensibler für die eigenen blinden Flecken ist, der den Kreis der Betroffenen und Verbündeten bewusst viel weiter zieht – in wirtschaftlicher Hinsicht, kultureller, religiöser, ethnischer, sexueller usw.? Mit den Worten Flavia Dzodans: „My feminism will be intersectional or it will be bullshit.“

 

Medienteil DREI: Rassistischer Feminismus


Nationalisten und Faschisten, die sich als Beschützer der Frauen in Pose werfen. Männer also, die im Privaten und in Parteiprogrammen Frauen auf die Rolle dekorativer Haushaltskräfte und Brutmaschinen zurechtstutzen wollen. Vor wem wollen sie die Frauen schützen? Vor allem vor Muslimen, nicht erst, aber nicht zuletzt seit der Kölner Silvester-Nacht 2015/16. Von wem sehen sie sich in ihrem Furor unterstützt? Ausgerechnet von prominenten Feministinnen. Deutschlands bekannteste Feministin Alice Schwarzer markierte bereits in einem FAZ-Interview im Jahr 2006 das Kopftuch als „Flagge des Islamismus“, als „‚Branding‘, vergleichbar mit dem Judenstern“. Wer so formuliert, kann beteuern, die Kritik gelte einer fanatischen Minderheit – der Eindruck bleibt, das sich hier Rassismus und Feminismus verflechten. Der Vorwurf wiederholt sich, Schwarzer und ihr Medium Emma verallgemeinerten undifferenziert Missstände im Islam und nähmen um der rhetorischen Pointe willen „rassistische Effekte“ in Kauf, machten sich zu Komplizinnen einer Ausweichdebatte, die suggeriert, Gewalt von Männern gegen Frauen sei erst mit den Muslimen nach Deutschland importiert worden und eine muslimische Identität bedinge notwendig eine frauenfeindliche Identität. Natürlich, jede Kritik an frauenfeindlichen Aspekten in muslimischen (oder anderen) Traditionen setzt sich dem Risiko aus, (mutwillig) fehlinterpretiert oder für rassistische Zwecke missbraucht zu werden. Umso gebotener ist (publizistische) Selbstreflexion, um die Missstände so anzusprechen, dass man nicht plump rechten Strategien in die Hände spielt. Anderenfalls leiden insbesondere jene darunter, denen zu helfen man vorgibt: die muslimischen Frauen. Trifft diese Kritik Alice Schwarzer und andere? Falls ja, wie geht es besser?


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