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Frederike Bohr
Foto: Patric Fouad

Notebook und Handgranate

20. November 2019

Januar-Premieren im Rheinland – Prolog 11/19

Manifeste helfen nicht. Sie sind kaum mehr als ästhetisches Futter für den inzestuösen Kreislauf der Kunst, das weiß man spätestens seit Julian Rosefeldts ironischem „Manifesto“. Alice Birchs Stück „Revolt. She Said. Revolt Again“ ist also keine feministische Gebrauchsanweisung für den Nahkampf der Geschlechter, wie vielfach behauptet. Das Stück dekliniert eher das Scheitern aller Strategien durch, die versuchen, die Gewaltverhältnisse zu durchbrechen. Dazu gehört die komplementäre Verdinglichung des Mannes durch die Frau, die Selbstverdinglichung als Negation durch Affirmation oder die verzeihende Solidarisierung mit der Mutter – alles so sinn- wie erfolglos. Die Szenen sind von analytischer Schärfe, die keine Melancholie, sondern vor allem Wut heraufbeschwört. Das Duo Killer&Killer bringt die Revolte im Freien Werkstatt Theater heraus.

„Ich lebe hier in einer Garage, zusammen mit einem Laptop und einer alten Handgranate“, sagt die betagte Herbjörg María Björnsson , genannt Herra, Hauptfigur in Hallgrímur Helgasons Roman „Eine Frau von 1000°“. Sie ist 80, aus einem Altersheim geflohen, hat pinkfarbene Haare - und wartet auf den Tod, den sie mit sarkastischer Grantigkeit in Schach hält. Sie mischt nicht nur männliche User auf Facebook auf, sondern rechnet mit ihren zahlreichen Männern und Kindern ab, die ihr Vermögen verhökern, vor allem aber mit ihrem eigenen Vater, einem isländischen Übernazi, der in den 1930ern die Familie nach Deutschland verfrachtet hat. Moritz Sostmann nimmt sich mit seinem Figurentheater Hallgrímur Helgasons Roman im Schauspiel Köln an.

Noch eine weibliche Außenseiterin ist schließlich die Außerirdische Phoebe Zeitgeist, die in Rainer Werner Fassbinders Stück „Blut am Hals der Katze“ auf der Erde landet. Sie lernt die Sprache der Menschen, allerdings nicht dem Sinn, sondern nur phonetisch – was verheerende Wirkung auf die Kommunikation hat. Fassbinders Stück ist ein Sightseeing durch eine Gesellschaft der gestörten Kommunikation, die eher unfreiwillig darin ihre Machtverhältnisse, ihre Unterdrückungsmechanismen, aber auch ihre Sehnsüchte offenbart. Frederike Bohr inszeniert an der Studiobühne.

„Revolt. She said. Revolt again“ | R: Killer&Killer | ab 23.1. | Freies Werkstatt Theater | 0221 32 78 17

„Eine Frau von 1000°“ | R: Moritz Sostmann | ab 25.1. | Schauspiel Köln | 0228 22 12 84 00

„Blut am Hals der Katze“ | R: Frederike Bohr | ab 24.1. | Studiobühne | 0221 470 45 13

HANS-CHRISTOPH ZIMMERMANN

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