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Pianist Piotr Anderszewski
Foto: Simon Fowler

Piano à la polonaise

26. April 2018

Polnische Pianisten in der Philharmonie – das Besondere 05/18

„Jazz aus Polen ist derzeit in“, erklärt Othmar Gimpel, Philharmonie-Sprecher. „So hat die internationale Musikfachmesse und Fachtagung ‚Jazzahead!‘ in Bremen das osteuropäische Land dieses Jahr zum Partnerland erkoren. Das Fachmagazin ‚Jazz thing‘ hat jüngst einen großen Artikel über die polnische Jazzszene geschrieben.“ So ist es naheliegend, dass im Mai drei aus Polen stammende Pianisten hier auftreten, mit klassischem als auch Jazz-Programm.

Den Auftakt von „Piano à la polonaise“ macht Piotr Anderszewski, der am 16. Mai mit dem Scottish Chamber Orchestra unter Konzertmeisterin Stephanie Gonley Stücke von Mozart und Poulenc präsentiert. Für den in Warschau Geborenen bilden die Werke des österreichischen Komponisten den roten Faden in seiner breiten musikalischen Palette. „Als erstes kommt immer die Intuition – und als letztes auch. Und dazwischen wird gearbeitet!“, erklärt Anderszewski seine Herangehensweise. Kritiker feiern die Musikabende des sensiblen Mozart-Interpreten als ‚unglaublich‘. Bereits vor vier Jahren begeisterte der Klaviervirtouse die Kölner in der Philharmonie.

Mozart selbst hatte mit seinen Klavierkonzerten im 18. Jahrhundert das Wiener Publikum verzaubert. Das nun präsentierte Klavierkonzert in G-Dur (KV 453) komponierte er 1784 für seine Schülerin Barbara Ployer. 1786 entstand das eher düstere, konfrontative Konzert in c-Moll (KV 491). Zahlreiche Korrekturen in seinem Autograf zeugen von Mozarts intensivem Ringen um die endgültige Form. Dennoch – die Uraufführung in Wien war ein großer Erfolg, der langsame Satz musste sogar wiederholt werden. „Mit meinem Spiel verleihe ich den abstrakten Noten des Komponisten eine physikalische Realität“, sagt Anderszewski. „Indem der Geist eines Werks wieder zu neuem Leben erweckt wird, hat dieser Vorgang etwas Spirituelles. Das ist für mich die Quintessenz von Musik und Musizieren.“ Zwischen die Klavierkonzerte eingebettet wird das einzige sinfonische Werk des französischen Komponisten Francis Poulenc, die Sinfonietta für Orchester FP 141, entstanden 1947 für die BBC. Die Melodien der vier Sätze pendeln zwischen Romantik, Ironie, Leidenschaft, Charme und Überschwang. Wer genaueres wissen will: Um 19 Uhr findet auf der Empore eine Einführung durch Oliver Binder statt.

Jan Lisiecki, Foto: Deutsche Grammophon / Holger Hage

Jazz-Pianist Leszek Możdżer gastiert am 17. Mai zusammen mit Dominik Bukowski (Vibraphon, Xylosynth) und dem Atom String Quartet in der Philharmonie. In seiner Heimat Polen gilt Możdżer als Superstar, der problemlos große Hallen füllt. Seine CD „Komeda“ eroberte in Kürze den ersten Platz in den polnischen Charts. Mit Pink Floyd-Gitarrist David Gilmore begeisterte er 60.000 Fans in der Danziger Werft. Możdżer hat erst mit 18 Jahren den Jazz für sich entdeckt und seinen eigenen, unverkennbaren Stil entwickelt, der sich durch Impressionismus, Ornamentik, kombiniert mit Präzision auszeichnet. „Ein Hauch von Chopin mit Chick Corea“, befinden Liebhaber. Journalisten überschlagen sich in der Beschreibung seiner Spielkunst. Erstaunlich ist seine Wandelbarkeit, so interpretiert er Schostakowitsch, Bach, Händel, Bill Evans oder Esbjörn Svensson. Mit Dominik Bukowski und dem Atom String Quartet, bestehend aus Dawid Lobowicz (Violine), Mateusz Smoczynski (Violine), Michał Zaborski (Viola) und Krzysztof Lenczowski (Violoncello), tritt er regelmäßig auf. In seine Grenzgänge zwischen Klassik und Jazz fließen Minimal Music, Weltmusik-Spirit und Fusion-Grooves ein. „Ein paar Dinge habe ich schon hundert Mal auf dieselbe Art und Weise gespielt. Beim 101. Mal spiele ich es jedoch völlig anders“, so Możdżer. „Der Jazz löst sich aus seiner Verankerung und beginnt, in ein offenes Meer hinauszutreiben. Was dann passiert, das nenne ich Kunst.“

Den Abschluss von „Piano à la polonaise“ bildet der junge Musiker Jan Lisiecki, der als einer der spannendsten Newcomer in der klassischen Musik gilt und von Journalisten auch schon mal als „Justin Bieber der Klassik“ betitelt wird. Einer schrieb elegisch: „So zart und innig, so unberührt von der Eile der Welt spielt kaum einer.“ Jan Lisiecki wurde 1995 als Sohn polnischer Migranten in Kanada geboren und wuchs in Calgary auf. Eine Kindergartenerzieherin riet, den lebhaften Jungen mit Klavierspiel zu beschäftigen, auf einem von einer Freundin der Familie geliehenen Piano – mit Erfolg. Bereits mit fünf Jahren studierte der Bub am Konversatorium, mit neun Jahren trat er erstmals mit Orchester auf. Als Jugendlicher bekam er einen Vertrag bei der renommierten Deutschen Grammophon. Mit 18 spielte er sein erstes Album mit Chopin-Etüden ein, die durch jugendliche Frische als auch gestalterische Reife beeindrucken. Wie sein Vorbild Chopin fühlt sich Lisiecki in der polnischen Kultur verwurzelt. In der Kölner Philharmonie rieß er Oktober 2015 seine Zuhörer zu Begeisterungsstürmen hin. Am 23. Mai tritt er mit dem London Symphony Orchestra unter dem amerikanischen Dirigenten Michael Tilson Thomas auf. Dessen Vorfahren waren jüdische Dorfmusiker in der Ukraine, Kantoren in der Synagoge oder Entertainer. Seine Großeltern gründeten in den 1920er Jahren das Jüdische Theater in New Jahr. Gemeinsam geben Thomas und Lisiecki klassische Stücke von Beethoven, Berlioz und Sibelius zum Besten. Beethovens Klavierkonzert Nr. 3 übt der Pianist bereits frühmorgens vor dem Frühstück, wenn die Sonne über der kanadischen Prärie aufgeht. Ergänzt wird das Programm durch die Konzertouvertüre „Römischer Karneval“ von Hector Berlioz und die Sinfonien Nr. 6 und 7 von Jean Sibelius. Als Begleitprogramm wird am 22. April im Filmforum „Birdman“, der Lieblingsfilm von Jan Lisiecki gezeigt.

Piano à la polonaise | 16., 17., 23.5. | Kölner Philharmonie | 0221 280 280

KATJA SINDEMANN

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