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Foto: Thilo Beu

Niemand ist der Welt was schuldig

25. Oktober 2018

Ariane Kochs „Wer ist Walter“ in Bonn – Theater am Rhein 11/18

Ein kleiner rauchender Vulkan, mutierte Maiglöckchen, viel Nebel und fünf durchgeknallte Rucksacktouristen im felsigen Dschungel, das ist das Anfangsbild in der Bonner Werkstatt, wo Simone Blattner die Uraufführung von „Wer ist Walter“ der Schweizer Dramatikerin Ariane Koch inszeniert.

Die Handvoll sind Teilnehmer an dem Suchtrupp, der nach einem imaginären Walter forscht, ein Mensch, der wohl weg ist wie Godot, allerdings auch nicht mehr kommen will und so die Oberfläche bildet für nette philosophische Ur-Überlegungen zu existenziellen Fragen: wer wir die Menschen sind und warum eigentlich. Dass Walter mit seinem Verschwinden eine Lücke hinterlassen hat, ist rührend, dass er vielleicht nur noch aus einem Häuflein Staub besteht, möglich, doch die Aussage „Kein Dokument – kein Mensch“ lässt Hoffnung aufkeimen, obwohl das sicher anders gemeint ist.

Die Inszenierung auf begrenzter Fläche ist schrill, musikalisch und choreografisch abwechslungsreich, denn die Protagonisten wandern viel, wechseln die Kostüme (mit Gummistiefeln!) oft und deklamieren und singen gemeinsam auf dem rechteckigen Podest in der Mitte. Das Ganze ist eine harmlose assoziative Wortspiel-Lotterie, wo ein Gedanke kausal den nächsten auslöst, und so springt die Handlung quer durch die philosophischen Thesen der vergangenen Jahrhunderte, kritisiert mal Rudyard Kiplings Dschungelbuch-Naturkitsch oder das Innere hinter Rainer Maria Rilkes selbstentfremdetem Panther, und schnell wird klar: Walter ist die Leerstelle im System, die mit einem zufälligen Namen versehene Variation vom Verschwinden – ein Zustand, der in dieser Gesellschaft gar nicht mehr so einfach ist. Deshalb ist Walter eigentlich ein Guy-Fawkes-Jünger, doch so weit lehnt sich die Autorin als Schweizerin in ihrem Kammerspiel natürlich nicht aus dem Fenster. Für die Kritik an Landsfrau Erika Hedwig Bertschinger-Eick reicht es aber. Uhren dienen als Metapher für verlorene Zeit, für die Gefangenschaft in einem Arbeitsalltag, dem alle irgendwie entfliehen möchten – die einzige Frage, die an diesem 75-Minuten-Abend stehen bleiben sollte: Oh Maiglöckchen, wie schafft man sich selbst ab? Naja. 

Wer ist Walter | R: Simone Blattner | 2.11., 9.11. 20 Uhr | Theater Bonn, Werkstatt | 0228 77 80 08

PETER ORTMANN

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