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Simon(e) Jaikiriuma Paetau an der KHM

Menschen in Transition

16. Mai 2019

„The Whisper of the Jaguar“ in der Aula der KHM – Foyer 05/19

Mittwoch, 15. Mai: Die Filmreihe „KHM-Heimspiel“ bringt regelmäßig in der Aula der Kunsthochschule für Medien Köln Filme mit anschließendem Gespräch zur Aufführung, die von (ehemaligen) Studenten gedreht wurden. Die im Herbst 2018 neu an die KHM berufene Professorin für Queer Studies in Wissenschaft und Kunst, Dr. Isabell Lorey, moderierte das zweite Heimspiel im aktuellen Semester, zu dem die FilmemacherIn Simon(e) Jaikiriuma Paetau ihren Film „The Whisper of the Jaguar“ vorstellte. Der experimentelle Langfilm entstand gemeinsam mit Thais Guisasola in Brasilien und erlebte seine Uraufführung auf der Dokumenta 14. Paetau hatte von 2008 bis 2014 an der KHM studiert, und bei einem Gaststudium an der kubanischen Filmschule EICTV Guisasola kennengelernt, die in Kuba an der Universität studierte. Bei ihrer kurzen Einführung erläuterte Isabell Lorey, dass sich sämtliche Projekte Paetaus zwischen Film und Theater bewegten und sich mit queeren Lebensformen auseinandersetzten. Die FilmemacherIn selbst verweigert eine eindeutige Zuordnung zum binären Geschlechtersystem und wurde gerade für ihr Musikvideo „Trying to Forget You“ (für Aérea Negrot) auf den Internationalen Kurzfilmtagen Oberhausen mit dem 1. MuVi-Preis ausgezeichnet.

Dr. Isabell Lorey im Gespräch mit der FilmemacherIn

Angesichts der Tatsache, dass bereits Paetaus erster Kurzfilm in Cannes gezeigt und weitere ihrer Werke im New Yorker MoMa oder dem Studio R des Maxim-Gorki-Theaters zu sehen waren, mutmaßte Isabell Lorey, dass die Situation für queere Filme derzeit nicht schlecht sein könne. Dem widersprach Simon(e) Paetau jedoch sofort vehement: „In den vier Jahren seit meinem Abschluss an der KHM habe ich für meine Filmprojekte keinerlei Förderung bekommen. Dass ‚The Whisper of the Jaguar‘ entstand, war ein absoluter Unfall.“ Auch Paetaus queere Co-Regisseurin Thais Guisasola hatte in ihrem Heimatland ähnliche Erfahrungen gemacht, weswegen sich die befreundeten FilmemacherInnen dazu entschlossen, einfach gemeinsam in Brasilien einen Film zu drehen. Ohne ausgefeiltes Drehbuch und ohne professionelle Schauspieler, fanden die beiden die Darsteller für ihren Film ausschließlich in der eigenen Crew oder in Personen, denen sie auf ihrer Reise zufällig begegneten. „The Whisper of the Jaguar“ ist eine Mischung aus Experimentalfilm, Road Movie, Performance und philosophischem Essay. Insbesondere das Genre des Road Movies hat beide RegisseurInnen sehr fasziniert, weil es etwas inhärent Queeres habe, da Film und Figuren darin in einem ständigen Fluss seien und es auf mehreren Ebenen um Transition gehe. Mit dem Satz „I didn’t cross the border, the border crossed me“ hätte das ganze Projekt seinerzeit begonnen, weil es Paetau und Guisasola nicht nur um die Auslotung geografischer, sondern auch binärer Grenzen in Bezug auf Gender gegangen sei.

Simon(e) Jaikiriuma Paetau erzählt von den Dreharbeiten

Die kleine Crew und die intuitive Arbeitsweise hätten es bei den Dreharbeiten ermöglicht, unmittelbar in den Film mit einzubeziehen, was dem Team auf ihrer Reise begegnet sei. „Dennoch wollten wir Authentizität auch dekonstruieren, weswegen wir ungefähr 90% des Films nachvertont haben“, erläuterte Paetau in Köln. Dass der Ton deswegen häufig konträr zum Bild ablaufe, fordere die Imagination des Publikums heraus. „The Whisper of the Jaguar“ quillt über vor Referenzen an queere und feministische Geschichte. So wurden alle Songs für den Soundtrack von queeren KünstlerInnen beigesteuert, und auch auf der visuellen Ebene gibt es Zitate, beispielsweise an die Werke der Malerin Frida Kahlo. Hinzu kommt die politische Dimension des Films, der schon gleich zu Beginn ein Zeichen gegen genmanipulierten Mais und die Monokulturen in Südamerika setzt. Beides sind nach Meinung Simon(e) Jaikiriuma Paetaus Belege dafür, dass neokoloniale Strukturen, die die indigenen Kulturen unterdrücken, auch heute noch auf anderen Ebenen fortgeführt werden. Der Film, der kurz nach dem „Putsch“ gegen die brasilianische Präsidentin Dilma Rousseff in dem südamerikanischen Land entstand, sei allein schon deswegen politisch, weil man gar nicht unpolitisch sein könne, wenn man in der heutigen Zeit als queere Person in Brasilien existieren wolle, so die abschließenden Betrachtungen der RegisseurIn.

Text/Fotos: Frank Brenner

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