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Foto: Thilo Beu

Nicht ton-, aber sprachlos

27. November 2019

Kleists „Marquise von O.“ in Bonn – Theater am Rhein 12/19

Die offene Bühne (Sebastian Hannak) beim Einlass hat mehr vom Athena Wald bei Shakespeare und eigentlich weniger von der Gegend um „M.“, in der Heinrich von Kleists Geschichtchen um die verwitweteMarquise von O. spielt. Der zentrale Baum mit drohendem Galgenstrick bleibt in der Inszenierung allgegenwärtig, nur die Sprache scheint sich auf zwei Erzählfiguren zu reduzieren. Der anfangs interessante Ansatz von Regisseur Martin Nimz wird sich allerdings in Windeseile verbrauchen, reduziert er die Personen im Stück doch auf fadenlose (natürlich sehr bewegliche) Marionetten-Hologramme, die die Erzählung, nun ja, nennen wir es mal vorsichtig positiv, „in Gestik und Mimik kommentieren“. Entdialogisiert und ein bisschen skurril in der Choreografie machen auch die zwei über der Bühne postierten Monitore mit vom Verschiebe-Video eingestreuten Livebild-Gimmicks daraus keine zeitgenössische Interpretation des Vergewaltiger-Stoffes.

Kein Wunder also, dass die beiden – in modernen Outfits agierenden – Erzähler Annina Euling und Sören Wunderlich bei der Premiere den meisten Applaus einheimsten, auch weil sie die Kleistsche Textmenge souverän transportierten und hier und da auch mal etwas Situatives beitrugen. Alle anderen, die sich auf der Bühne an der zwar nicht ton-, aber doch sprachlosen Dramaturgie des Stücks abarbeiteten, machten dennoch visuell und darstellerisch einen echt guten Job zwischen Bergen an Requisiten und partiellem Sprühregen. Dennoch ist es manchmal nicht ganz einfach, zwischen den einzelnen Protagonisten Vater, Mutter, Obristin, Major und den Zitadellenkommandant auseinanderzuhalten. Auch der berühmt berüchtigte Gedankenstrich ging ein wenig unter und so ist alles durcheinander: Mobiliar, Baustellengitter, zwei ramponierte Kinder-Schaufensterpuppen, da wird Pizza gereicht und mit Modellbauarchitektur jongliert. Dazu geraucht, dass es der Lunge eine Lust ist und ab und an vom Eis genebelt.

Der soziale Abstieg, der damals wie heute die allein Erziehenden erwischt (die von O. hatte wenigstens noch ein mietfreies Heim, in das sie sich zurückziehen konnte), ist in der Inszenierung implementiert, doch so üppig dürfte die schwangere Marquise mit verzweifeltem Telefonsex kaum zu Einkommen gelangen.

„Die Marquise von O.“ | 1.12. 18 Uhr; 7., 11., 14.12. je 19.30 Uhr | Theater Bonn | 0228 77 80 08

PETER ORTMANN

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