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Jonathan Hoffmann
Foto: Ansichtssache_Britta_Schröder

„Wir empfehlen, das Wahlalter zu senken“

26. März 2026

Teil 3: Interview – Demokratieexperte Jonathan Hoffmann über die Wahlbeteiligung von Jugendlichen

choices: Herr Hoffmann, Sie forschen zur Wahlbeteiligung junger Menschen. Wie steht es darum?

Jonathan Hoffmann: Die Wahlbeteiligung junger Menschen ist etwas niedriger ist als die der Menschen über 30 Jahre. Sie ist zwar in den letzten fünf Bundestagswahlen um fast 20 Prozentpunkte angestiegen, liegt aber trotzdem immer noch unter der Wahlbeteiligung der über 30-Jährigen. Und das ist so, obwohl junge Menschen politisch interessierter und gesellschaftlich engagierter sind. Das war die Ausgangslage für unsere Studie.

Vier zentrale Hürden auf dem Weg zur Wahl“

Woran hapert es denn?

Es gibt vier zentrale strukturelle Hürden, die alle jungen Menschen auf dem Weg zur Wahl überwinden müssen. Die Zugangshürde: Kann ich wählen? Die Kompetenzhürde: Verstehe ich wählen? Die Motivationshürde: Will ich wählen? Die Resonanzhürde: Wirkt mein Wählen? Damit junge Menschen wählen gehen, müssen sie diese vier Hürden überwinden. Aber die Startbedingungen sind nicht unbedingt gleich. Das heißt, es gibt junge Menschen, für die ist es quasi selbstverständlich, sich mit Politik auseinanderzusetzen. Sie wachsen in einem Elternhaus auf, das regelmäßig wählen geht. Für sie spielt die Frage nach Zugang und Kompetenz keine große Rolle. Ihnen geht es eher darum, sich gesehen zu fühlen von Politik, dass ihre Themen behandelt werden.

Das familiäre Umfeld ist wichtig.

Natürlich. Manche Jugendliche wachsen in Familien auf, in denen es vollkommen selbstverständlich ist, wählen zu gehen. Da wird man schon früh mit ins Wahllokal genommen und macht daraus quasi einen Ausflug mit der ganzen Familie. Für andere junge Menschen ist es so, dass sie zum ersten Mal mit dem Thema Wählen konfrontiert werden, wenn sie den Brief bekommen, dass sie zur Wahl eingeladen werden. Da gibt es vielleicht ein Elternhaus, wo nicht gewählt wird oder vielleicht sogar negativ über Politik und Wählen gesprochen wird. Im Sinne von „das ändert doch sowieso nichts“. So sind die Voraussetzungen eben ganz andere.

Ganz wichtig, dass Politik, Ministerien, Politiker:innen auf Social Media vertreten sind“

Tun die Schulen genug?

Wir unterscheiden hier zwischen zwei Dingen, die wichtig sind. Es geht einmal darum, dass Politikunterricht über die Schulformen und die Bundesländer hinweg angeglichen wird – das schlagen wir in der Studie konkret vor. Wie viel Politikunterricht man bekommt, hängt ganz stark davon ab, auf welche Schule man geht und in welchem Bundesland man aufwächst. Die gymnasiale Oberstufe in NRW bekommt sehr viel Politikunterricht, aber jemand auf einer Realschule in Bayern deutlich weniger. Hinzu kommt etwas, was wir Demokratiebildung nennen. Da geht es dann nicht mehr nur um ein Verständnis davon, wie Politik eigentlich funktioniert, sondern darum, zu erfahren, was Demokratie bedeutet und selbst Teil davon zu sein. Wie geht man damit um, dass andere Menschen andere Meinungen haben? Wie kann man gemeinsam Entscheidungen treffen?

Hilft der Wahl-O-Mat?

Tatsächlich haben uns einige junge Leute gesagt, sie fänden ihn schon relativ kompliziert. Und dann muss man sich erst mal in die angestoßenen Fragen reinlesen. Manche sagten, sie hätten erst mal wieder Videos angeguckt, um überhaupt zu verstehen, was eigentlich die Frage ist, die da beim Wahl-O-Mat gerade beantwortet werden soll. Dann gibt es neben dem Wahl-O-Mat auch Zugänge, die vielleicht ein bisschen niederschwelliger sind. Wir selbst bei der Bertelsmann-Stiftung haben z.B. zur Bundestagswahl eine größere Kampagne gemacht und mit Influencer:innen in den sozialen Medien zusammengearbeitet. Und – was aus unserer Sicht ganz wichtig ist – dass auch Politik selbst, also die Ministerien, Politiker:innen auf Social Media vertreten sind. Sie sollten da authentisch Angebote machen und mit jungen Menschen auf Augenhöhe gehen, um da ebenfalls in den Austausch zu kommen.

Junge Menschen sind von politischen Entscheidungen am längsten betroffen“

Warum fordern Sie, das Wahlalter auf 14 oder 16 zu senken?

Zum einen, weil junge Menschen von politischen Entscheidungen, die wir heute treffen, am längsten betroffen sind. Früheres Wählen ermöglicht ihnen demokratische Teilhabe. Darüber hinaus wissen wir, dass, wenn man schon früher wählen darf – zum Beispiel in Österreich oder Schottland ab 16 auf der Bundesebene – die Wahlbeteiligung nicht nur bei dieser ersten Wahl steigt, sondern über das ganze Leben hinweg höher ausfällt, stabiler wird. Das liegt vermutlich u.a. daran, dass Wahlen damit in ein Alter fallen, in dem man noch nicht von zu Hause ausgezogen ist, sich im Studium oder in der Ausbildung befindet, sondern vielleicht noch zur Schule geht und darüber in anderen Strukturen verhaftet ist. Deshalb empfehlen wir, das Wahlalter zu senken und die erste Wahl mit gutem Politikunterricht zu begleiten.

Interview: Daniela Prüter

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