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Dr. Maxa Zoller und Dr. Anja Dreschke bei der ifs-Begegnung
Frank Brenner

Geisterwelten

16. Januar 2020

„Los Silencios“ im Filmforum – Foyer 01/20

Mittwoch, 15. Januar: Bereits zum dritten Mal fand in der ifs-Begegnung unter dem Titel „Gender & Diversity“ ein Filmgespräch im Filmforum der Ludwiggalerie Köln statt. Dr. Maxa Zoller, die Leiterin des Internationalen Frauenfilmfestivals Dortmund | Köln, hatte sich dazu als Gesprächspartnerin die Ethnologin, Filmemacherin und Kuratorin Dr. Anja Dreschke eingeladen. Als Gesprächsgrundlage wurde zunächst der Film „Los Silencios“ (Das Schweigen) von Beatriz Seigner projiziert, der im vergangenen Jahr im Wettbewerb des IFFF gelaufen war. Für Zoller war dies ein idealer Film für den Themenkomplex „Gender & Diversity“, weil er beides „auf ganz eigene Weise anspricht“ und weil Seigner hier andere Kanäle als die Sprache nutze, um Wissen zu vermitteln. Auch die Tatsache, dass hier ein Mädchen im Mittelpunkt der filmischen Erzählung steht, das darüber hinaus nicht aus Europa stammt, hätte „Los Silencios“ als Untersuchungsgegenstand ungewöhnlich und interessant gemacht, so Maxa Zoller weiter. Sie erläuterte zunächst, dass Seigners Film von tatsächlichen Geschichten inspiriert sei und auf der real existierenden Insel Fantasia spielt, die im Niemandsland zwischen Kolumbien, Brasilien und Peru gelegen ist. Auch der Glaube an Geister sei auf der Insel ähnlich verbreitet, wie das im Film dargestellt wird.


Dr. Anja Dreschke und Dr. Maxa Zoller beim Publikumsgespräch, Foto: Frank Brenner

Dr. Anja Dreschke wusste im Vorfeld, dass der Film mit Elementen des magischen Realismus spielt. Gleichwohl wäre ihr bis zur Séance-Szene gegen Ende des Films nicht in den Sinn gekommen, dass auch das Mädchen ein Geist ist. „Das hat mich doch sehr erstaunt. Beim zweiten Anschauen des Films habe ich dann auf das Indiz der Neonfarben geachtet, die im Film symbolisch für die Welt der Toten stehen“, führte Dreschke beim Publikumsgespräch weiter aus. Auch Dr. Maxa Zoller und einige Wortmeldungen aus dem Publikum bestätigten, dass es vielen Zuschauern so gegangen war, und kaum jemand geahnt hatte, dass die Protagonistin des Films eigentlich ein Geist ist. Beatriz Seigner habe ihren Film aber ganz bewusst so angelegt und durch die Struktur auch versucht, ihre Zuschauer zunächst in die Irre zu führen. Dr. Anja Dreschke war insbesondere von der Art der Inszenierung gepackt, mit der das Geisterhafte der Geschichte sich langsam in die detaillierten Alltagsschilderungen einschleicht und dadurch ebenfalls fast schon dokumentarische Qualitäten entfaltet. Für die Ethnologin war es darüber hinaus erstaunlich, dass Seigner hier einen Trend aufgegriffen hat, der derzeit auch im Hollywood-Gruselfilm wieder äußerst populär ist, auch wenn er von der Filmemacherin hier ganz unspektakulär und anders erzählt wird.


Die Ethnologin Dr. Anja Dreschke zu Gast im Filmforum, Foto: Frank Brenner

Dr. Maxa Zoller rekapitulierte Gespräche, die sie mit der Regisseurin zum Film geführt hatte, und erläuterte dabei, dass das Element der Geister sich im Drehbuch nach der Anwesenheit vor Ort erst verstärkt habe, da es für die Bewohner von Fantasia einen solch wichtigen Stellenwert einnimmt. Seigner sei sich über den gewaltsamen Einschnitt, den die Anwesenheit und vor allem die plötzliche Abreise des Filmteams nach Beendigung der Dreharbeiten auf die Dorfbewohner gehabt habe, sehr bewusst gewesen, weswegen sie einen Psychologen vor Ort zur Betreuung zurückließ. Diesen partizipatorischen Ansatz bei der Arbeit mit den Personen an den Originalschauplätzen fand Anja Dreschke überaus spannend und ungewöhnlich. Darüber hinaus zeigte sie sich erfreut, dass das ethnografische Kino und der indigene Spielfilm in den letzten Jahren zunehmend an Popularität gewonnen haben. Früher hätte man den ethnografischen Film fast ausschließlich mit Dokumentarfilmen in Verbindung gebracht, nun sei es zunehmend möglich geworden, auch fiktive indigene Geschichten für ein westliches Publikum zugänglich zu machen. Sowohl Dreschke als auch Zoller bezeichneten „Los Silencios“ als eine multisensorische Erfahrung, weil Bild und Ton hier häufig bewusst nicht miteinander synchronisiert sind. Durch die daraus entstehenden Diskrepanzen, die sich auf jeweils andere Ausschnitte von Sinneswahrnehmungen beziehen, entstünde hier auch etwas Meditatives, was dem Film eine ganz besondere Atmosphäre verleihe, so das Fazit von Dr. Maxa Zoller.

Frank Brenner

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