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Lily Sykes
Foto: Magnus Reed

„Jemand, der sich weigert, ein Schräubchen in der Maschine zu sein“

29. Januar 2020

Regisseurin Lily Sykes über „Bomb – Variationen über Verweigerung“ – Premiere 02/20

Sich einem Befehl zu verweigern, ist nur in der Theorie leicht. Das Stück „Bomb (Variationen über Verweigerung)“ der israelischen Autorin Maya Arad Yasur spielt die Insubordination am Beispiel des Bomberpiloten Eatherly durch, der sich jeweils unterschiedlich verhält. Komplex wird das Stück dadurch, dass Eatherlys Geschichte mehrfach gebrochen erzählt wird, und zwar über zwei Kunstwerke, die wiederum von einer Gruppe Betrachter interpretiert werden. Dadurch entsteht ein faszinierendes Stück Gegenwartsdramatik mit einem Hallraum, der bis in die Grundfesten der Demokratie reicht. Die Uraufführung inszeniert Regisseurin Lily Sykes am Schauspiel Köln.

choices: Frau Sykes, wie stellen Sie sich ein Leben vor, das von Krieg bzw. einer Kriegsdrohung geprägt ist?

Lily Sykes: Ich glaube, das kann sich keiner vorstellen, solange er oder sie nicht dabei war. Man hat zahlreiche Geschichten von Menschen in Kriegssituationen gehört: Es ist sehr erschreckend, es ist total aufregend, es passiert ständig was, man muss sich auf seine Instinkte verlassen. Meine Mutter war Kriegsjournalistin im Jugoslawienkrieg. Obwohl es total schrecklich war, war das für sie der Moment ihres Lebens. Da verbindet sich alles mit allem: Tod, Liebe, Sex, Adrenalin. Ich glaube, man macht sich überhaupt keine Sorgen mehr, ob man glücklich ist, sondern es ist reines Überlebenstraining.

Was kann Kunst davon vermitteln?

Wir ernähren uns sehr stark von Kriegsbildern oder Kriegsgeschichte. Und das gilt auch für die Kunst – das Kriegsthema besitzt da eine gewisse Sexiness. Je schrecklicher das Ereignis ist, desto besser eignet es sich für ein Kunstwerk. Und wenn man das vergleicht mit dem, was Menschen im Krieg erleben, ist das total paradox.

Worum geht in Maya Arad Yasurs Stück „Bomb – Variationen über Verweigerung“?

Es geht um eine Künstlerin, die ein wenig Marina Abramovi ähnelt und die ein Kunstwerk in der Öffentlichkeit zeigt. Ich kann es kurz beschreiben: Das ist eine Frau in einem Aquarium, die sich die Haare ausreißt und sie mit Wachs an die Arme klebt. Und unter ihren Füßen sind Kirschen, auf denen sie herumtrampelt, bis der Saft herausfließt. Und die Besucher und Kunstkritiker betrachten dieses Kunstwerk und nehmen es zum Anlass eine Geschichte zu erzählen. Dabei projizieren sie ihre eignen Lüste, ihre eigenen Wünsche – und der Krieg ist einer davon – auf dieses Kunstwerk. Und was die Betrachter sehen, was sie projizieren, daraus entwickelt sich allmählich eine Geschichte.

Es geht um zwei Kinder in der Geschichte. Naomi, die spätere Performance-Künstlerin, und einen jungen Fotografen. Die Väter der beiden waren im Krieg undhaben ihren Kindern dieses Thema wie einen Rucksack auf den Rücken gepackt.

Es gibt ein wunderbares Gedicht von Philip Larkin, das mit der Zeile beginnt: They fuck you up, your mum and dad. They may not mean to, but they do. Beide Kinder tragen das weiter, was ihre Eltern erlebt haben. Wir bekommen alle etwas von unseren Eltern oder von unserem Land aufgeladen, womit wir dann aufwachsen und worauf wir reagieren. Wenn man in einem Land wie Israel, Großbritannien oder Deutschland lebt, dann muss man deren Geschichte verarbeiten. Man will wissen, wie es weitergehen kann, ohne dass man die gleichen Fehler wiederholt. Das Kunstwerk ist auch ein Sinnbild dafür. Es geht in Maya Arad Yasurs Stück nicht um einen bestimmten Krieg oder ein bestimmtes Erlebnis, sondern um zahlreiche vergangene und gegenwärtige Kriegsorte, von Coventry bis Beirut.

Im Stück spielt außerdem der Pilot Eatherly eine wichtige Rolle.

Eatherly war der Name des Piloten, der kurz vor dem Abwurf der Bombe über Hiroshima das Wetter inspiziert und dann das Go gegeben hat. Nach der alliierten Bombardierung war Eatherly der einzige, der eine totale Krise gehabt hat. Er wurde zum Sinnbild für jemanden, der sich weigert, ein Schräubchen in der Maschine zu sein, der seine Meinung gegen die Mehrheit artikuliert. Im Stück von Maya Arad Yasur bekommt Eatherly eine zweite Chance. Er entscheidet sich bei seiner nächsten Bombardierung, sich zu verweigern. Nach dieser Verweigerung erfährt er allerdings, dass ein Freund von ihm von Terroristen, die aus einem Krankenhaus heraus schießen, gerade getötet worden ist. Es kommt zu einem dritten Einsatz, bei dem Eatherly gar nicht mehr weiß, was er tun soll.

Wie macht die Gruppe vor dem Kunstwerk aus diesen Figuren-Details eine Geschichte?

Das Stück spielt in einem fragmentierten Kopf, in dem ganz viele Stimmen sprechen und sich nicht einig sind. Zugleich ist dieser fragmentierte Kopf ein Sinnbild für die Position von Eatherly, von der Künstlerin Naomi, die aus diesem Super-GAU kommen und nicht mehr wissen, wie man mit der Welt umgeht. Eigentlich spielt jedes moderne Theaterstück in einem fragmentierten Kopf. Bei den Klassikern waren die Fragmente noch in Rollen unterteilt, heute sind es eben diese ausgestellten Stimmen.

Aber die Gruppe verständigt sich zugleich fortwährend darüber, wie die Geschichte weitergeht.

Man einigt sich über das Große, aber man ist uneinig über die Details. Ich glaube, sie wollen das verstehen und einen Stempel darauf machen. Das ist natürlich totaler Quatsch, weil man nie etwas versteht. Und die Gruppe wird überholt von der Unverständlichkeit der Situationen, die sie selbst beschreibt. Das Stück endet nicht mit Einigkeit, dass es so oder so war, sondern mit einer weiteren Diskussion über die Details. Und da geht es darum, recht zu haben. Das ist auch ein interessantes Phänomen heute, dass man nicht mehr die Wahrheit sucht, sondern jeder recht haben will.

„Bomb – Variationen über Verweigerung“ | R: Lily Sykes | 8.(P), 15., 29.2. 20 Uhr | Schauspiel Köln | 0221 22 12 84 00

Interview: Hans-Christoph Zimmermann

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