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Liebe im Wandel – Liebeskummer auch?
Foto: Cornelia Wortmann

Liebes-Vierer zur Primetime

29. Juni 2017

Das Verständnis von Liebe ist an historische Kontexte gebunden – THEMA 07/17 NEUE ZÄRTLICHKEIT

Am 3. Juni 2017 wurde in Kolumbien die erste Ehe zwischen drei Männern geschlossen. Die Homo-Ehe ist dort seit 2016 erlaubt, Adoptionsrecht inklusive. Ein Land, in dem sich die große Mehrheit zur römisch-katholischen Kirche bekennt und das eher für FARC, hohe Mordraten und organisiertes Verbrechen berüchtigt ist, tut sich mit der Anerkennung alternativer Liebes- und Familienformen offenbar weniger schwer als unsere Regierung hierzulande, auch wenn zum Ende der Legislaturperiode Bewegung in die Sache kommt.

Die Geschichte der Ehe im christlichen Verständnis ist ein Beispiel dafür, dass Liebe und was Menschen unter dem Begriff verstehen schon immer ein gesellschaftliches Konstrukt war, eng verknüpft mit dem historischen Kontext. Im 12. Jahrhundert zum heiligen Sakrament erhoben, breitete sie sich im 15. Jahrhundert durch missionarischen Eifer weltweit aus. Als Instrument dynastischer Vernetzung oder Eigentumssicherung tabuisierte die Ehe voreheliche Sexualität – besonders für Frauen, deren Jungfräulichkeit auf dem Heiratsmarkt von hohem Wert war. Eine Heirat aus Liebe war eher zufälliger Bonus als Sinn der Sache. Das Konzept der romantischen Liebe begann sich später auszuformen, in der Epoche der Romantik Ende des 18. Jahrhunderts. Praktisch umgesetzt wurde die Verschmelzung von Sexualität, Liebe und Ehe erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Unsere heutige Vorstellung von Liebe und Beziehungen ist demnach so alt nicht.

Statistisch gesehen ist die Liebesheirat schon wieder auf dem absteigenden Ast. Laut dem vom Statistischen Bundesamt erhobenen Mikrozensus sind Eheschließungen in Deutschland seit 1950 mit leichten Schwankungen stetig gesunken, zwischen 2001 und 2014 lag die Zahl konstant unter 400.000 / pro Jahr. Hinzugekommen ist 2001 die Möglichkeit einer eingetragenen Lebenspartnerschaft für PartnerInnen gleichen Geschlechts, in der 2014 41.000 Menschen zusammenlebten. Wachsend ist auch die Zahl der Alleinstehenden. 2014 war das jede/r Fünfte in Deutschland. Die Art zu lieben gestaltet sich aber komplexer, als Statistiken es abbilden können. Die oben erwähnten Alleinstehenden müssen keine Singles sein, sondern nur ohne PartnerIn wohnen. Trotz glücklicher Partnerschaft könnten sie getrennte Wohnungen bevorzugen oder Fernbeziehungen führen.

Die monogame Zweierbeziehung mit oder ohne Trauschein ist aber bis heute das dominante Modell, gegen das sich die freie Liebe der 1960er/70er Jahre nicht durchzusetzen vermochte. Neben der klassischen Paarbeziehung koexistieren unabhängig von der sexuellen Orientierung aber unzählige Varianten. In offenen Beziehungen gestatten PartnerInnen einander Seitensprünge, polyamourös lebende Menschen gehen mit mehreren PartnerInnen sexuelle und emotionale Verbindungen ein, andere leben glücklich ohne Sex zusammen und serielle MonogamistInnen suchen nicht die Bindung für das ganze Leben sondern für einzelne Abschnitte.

Nicht alle hüpfen deswegen in bumsbesoffener Glückseligkeit auf der amourösen und sexuellen Anything goes-Spielwiese, die uns die Moderne eröffnet hat, umher. Alte Strukturen brechen weg, hinterlassen Leerstellen: Wo nicht mehr an Gott oder eine bessere Welt geglaubt wird, kann Liebe zur letzten großen Utopie des 21. Jahrhundert werden. Hollywood und Popmusik versprechen uns beharrlich die eine wahre Liebe, ein „Happily ever after“. Ratgeber, Seminare und Partnerbörsen sollen unsere Suche neoliberalistisch optimieren. Klappt das nicht, zeugt das in unserer Leistungsgesellschaft von individuellem Versagen. Der Wunsch nach fortdauernder Liebe ist also ungebrochen, das gilt auch für nachfolgende Generationen. Die 2015 durchgeführte Shell Studie hat stichprobenartig 2.558 12-25-Jährige deutschlandweit befragt mit dem Ergebnis, dass 85 % der Jugendlichen es sehr wichtig finden, eine feste Partnerschaft einzugehen.

Alternative Liebesentwürfe arbeiten sich aber in den Mainstream vor, wie der ARD-Zweiteiler „Neu in unserer Familie“ zeigt. Benno Führmann und Maja Schöne geben hier ein frustriertes Ehepaar, das sich bei Seitensprüngen anderweitig verliebt. Statt Scheidung raufen sich alle zusammen, die Erwachsenen führen eine Beziehung zu viert unter einem Dach und ziehen das Kind von Maja und ihrem Zusatzpartner auf. Das kann man kitschig oder unrealistisch finden. Wenn aber ein öffentlich-rechtlicher Sender zur Prime Time auf unspektakuläre Weise eine Versuchsanordnung jenseits der Monogamie, ohne Eifersuchtsdramen mit optimistischen Ausgang wagt, deutet sich erneut ein Wandel des Begriffs Liebe und unserem Verständnis davon an.


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zum Thema auch unter: trailer-ruhr.de/thema und engels-kultur.de/thema

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ehefueralle.de | Bundesweite Initiative die sich für die Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare in Deutschland einsetzt.
pairfam.de | DFG-geförderte Langzeitstudie zum partnerschaftlichen und familialen Leben in Deutschland

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