Die Folgeausstellung zu „Klassenverhältnisse. Lehrende, Lernende, Künstler:innen“ aus dem letzten Jahr befasst sich mit der internationalen Vernetzung in der Kunstlehre zwischen 1946 und 2026. Zu sehen sind u.a. Werke von Jan Albers, Heike Kati Barath, Tim Berresheim, Alexandra Bircken, Heinrich Campendonk, Tony Cragg und Paul Czerlitzki.
choices: Herr Schumacher, wie wird die Lehre von den Künsten zur eigenen Kunstform?
Es gibt eine jüngere Generation, in der die Lehre auch als Kunstform aufgefasst wird. Aber in der älteren Generation war es definitiv so, dass diese Sphären getrennt betrachtet wurden. Da gab es drei Schritte: Im ersten Schritt ging es darum, sich loszumachen von dem Gedanken, einen richtigen Unterricht zu geben, wie am Anfang der Akademiegeschichte, mit z.B. Aktzeichenkursen oder Modellierkursen. Dann ging es Lehrenden in einer Zwischenphase um Vermittlung von Persönlichkeitsstrategien. Im dritten Schritt, bei der jüngeren Generation, die gelernt hat, was Vermitteln heißen kann und was dabei auch auch schief gehen kann, finden Sie Lehrende, die auch einen pädagogischen Anspruch entwickelt haben.
Welche Rolle spielt dabei die Theorie – eine Haupt- oder eine Nebenrolle?
Eine Nebenrolle, die aber im Laufe der Zeit und im Rundgang der Ausstellung wichtiger wird. In der Ausstellung begegnen Sie den Kunstobjekten zunächst unvoreingenommen. Vieles erschließt sich erstmal aus der Seh-Erfahrung. Dann kann man den Reader zur Hand nehmen, um Hintergrundinformationen zu erhalten. Damit kann man tiefer einsteigen. Im Idealfall gehen die Leute nochmals durch und sehen die Ausstellung mit neuen Augen.
Stichwort „Klassen“ – auf welchem Platz stehen die Deutschen Ihrer Meinung nach in der Weltrangliste der Kategorisierer? Sind wir da Spitze?
Ich glaube, wir sind Weltspitze im Kategorien entwickeln. Ob wir das so geschickt machen, würde ich mal hintenanstellen. Es gibt Länder, die präziser sind, zum Beispiel die Briten. Die haben weniger Kategorien und sind dabei offener.
Eigentlich fließen in den Künsten doch seit Jahrhunderten verschiedenste Techniken, Gattungen und Ausdrucksformen ineinander, oder?
Ja. Allerdings gibt es in der Lehre strengere Kategorien, die an allen Kunstschulen in Europa gepflegt worden sind, zum Beispiel Malerei und Bildhauerei. Dann kamen neue Techniken dazu, etwa Fotografie, Installationen, Video und Computer sowie das Performative. Das ist ganz unterschiedlich an den Kunsthochschulen in Europa gelehrt worden.
Ihre Ausstellung läuft seit dem 10. Mai. Wie reagiert die Öffentlichkeit? Erreichen Sie auch neues Publikum?
Das kann man auf jeden Fall sagen. Nicht unbedingt eine neue Gruppe, aber im Bereich der Künstler:innen sind viele wiedergekommen, die längere Zeit nicht hier waren. Wir haben aber auch festgestellt, dass in der Gruppe der regionalen Besucher:innen, die nicht unbedingt ins Kunstmuseum kommen, eher ins Haus kommen, weil sie die erste Ausstellung verpasst haben und man der Produktion der Kunst näher kommt. Das scheint doch auch neue Besucher:innen anzusprechen.
Die Ausstellung befasst sich auch mit Künstlicher Intelligenz. Warum ist KI für die menschlichen Künste wichtig?
Alle neuen Bildtechniken wurden von Künstler:innen aufgegriffen. Es gibt viele, die sich aus Neugierde mit KI beschäftigt haben, als sie herauskam. Nicht alle Künstler:innen haben damit Kunst produziert. Andererseits stellt diese Beschäftigung auch eine von Außen herangetragene Erwartung dar. Museen zeitgenössischer Kunst sollen und wollen mit der Zeit gehen.
In der Pressemeldung heben Sie die Einbettung einer humorvollen Reflexion nach Art von Sigmar Polke hervor. Wie vermittelt man die wissenschaftlich an den Kunsthochschulen?
Ich glaube, Sigmar Polke hat die humorvolle Reflexion gar nicht vermittelt. Das war eher ein wilder Dialog in einer Gruppe von verschiedenen Künstler:innen, die sich damit hochgeschaukelt haben. Das ist sicherlich auch von Polke angefeuert worden, zum Beispiel in der Arbeit mit Polke als Palme. Es geht hier eher um Inspiration. So etwas kann man nicht künstlich erzeugen.
Können die Besucher:innen die Ausstellung auch ohne akademisches Vorwissen genießen?
Ja. Dadurch, dass die erste Begegnung in den Klassenräumen ein sehr simples Schema hat. Es gibt immer die Klasse Gerhardt Richter, Rosemarie Trockel und andere. Man erkennt etwas in den Bildern oder entdeckt etwas Neues. Das kann erstmal rein intuitiv stattfinden. Danach ist es möglich, noch tiefer einzusteigen. Es gibt außerdem auch eine Audiostation.
Welche Fehlstellen gibt es Ihrer Meinung nach in der aktuellen staatlichen und privaten Kunstlehre?
Gute Frage. Das würde ich gerne in Zusammenarbeit mit der Kunsthochschule für Medien in Köln während einer Fachtagung am Ende der Ausstellung mit jungen Lehrenden erörtern. Dabei geht es um die Herausforderungen für die Lehre der Zukunft. Die Ausstellung kann die unmittelbare Gegenwart der Lehre noch nicht unmittelbar abbilden. Dabei gibt es auch Fragestellungen, die man nicht mit Kunstwerken abbilden kann, etwa in Bezug auf die Hierarchien zwischen Lehrenden und Lernenden oder die Anerkennung von Frauen im Lehrbetrieb.
Was haben Sie während der Organisation der Ausstellung gelernt?
Ich habe mich gewundert, dass so etwas Schwieriges wie die Lehre von der Kunst an den Hochschulen gar nicht unterrichtet beziehungsweise reflektiert wird. Die Leute werden nicht darauf vorbereitet, also als Künstler:innen mit Künstler:innen zu sprechen. Joseph Beuys war da zum Beispiel als Pädagoge eher schwierig.
Welche Farben, Klänge, Gerüche und Gefühle würden Sie der Ausstellung zuordnen?
Das ist insofern schwierig, weil die Klassen unterschiedlich sind. Ich würde sagen, diese Staffel ist im Gegensatz zur ersten Ausstellung etwas leichter, frischer, humorvoller und sommerlicher.
Wird es zu einer dritten Staffel der „Klassenverhältnisse“ kommen?
Nicht so bald. Wir können das in ein paar Jahren nochmal auflegen, wenn wir weiter fortgeschritten sind.
Klassenverhältnisse – die zweite Staffel, Kunstlehre von 1946 bis 2026 | bis 27.9. | Kunsthaus NRW Kornelimünster, Aachen | Eintritt frei | 02408 64 92
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