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Foto: David Claerbout, Wildfire (meditation on fire)
VG Bild-Kunst, Bonn 2024, Courtesy: Musea Brugge

„Welche Wahrheit trauen wir Bildern zu?“

10. Juni 2024

Kurator Marcel Schumacher über „Ein Sommer in vier Ausstellungen“ im Kunsthaus NRW in Aachen – Interview 06/24

Das Kunsthaus NRW Kornelimünster in Aachen zeigt vier Ausstellungen, die sich mit dem Klimawandel, der Digitalisierung, verschiedenen Kunstepochen und den Lücken der hauseigenen Sammlung befassen. Ein Gespräch mit Leiter und Kurator Marcel Schumacher.

choices: Herr Schumacher, Ihr „Sommer in vier Ausstellungen“ reicht bis in den Herbst hinein. Spielt dabei der Klimawandel eine Rolle?

Marcel Schumacher: In mehreren der Ausstellungen taucht das Thema auf. Wir zeigen Videoinstallationen des belgischen Künstlers David Claerbout. Eine der Arbeiten zeigt einen Waldbrand, den der Künstler technisch im Computer konstruierte. Ähnlich verhält es sich mit Werken von Detlef Orlopp. Er hat Gletscher in den Pyrenäen, Alpen und Norwegen fotografiert. Es wird dokumentiert, wie die Orte sich bis zur Auflösung verändern. Wir hoffen, damit das Bewusstsein für die Umwelt zu stärken. 

Marcel Schumacher
Foto: Dörthe Boxberg
Zur Person: Marcel Schumacher ist seit April 2015 Leiter des Kunsthauses NRW Kornelimünster. Ab 2012 war er Kurator für Zeitgenössische Kunst am Museum Folkwang in Essen. Davor arbeitete er als freier Kurator, Autor und Dozent. Er studierte Kunstgeschichte, Germanistik, Philosophie und Architektur in Aachen und Berlin.

Welchen Einfluss haben globale Krisen auf die Auswahl der Werke im Kunsthaus?

Aktuelle Krisen haben auf unseren Blick auf die Kunst der Vergangenheit Einfluss. Auf die Werke der Künstler:innen haben sie eher einen indirekten Einfluss. Die Themen orientieren sich in diesem Jahr an der Kunst, etwa bei „Are you sure you want to delete this?“ (übersetzt: „Sind Sie sicher, dass Sie das löschen wollen?“, Anm. d. Red.). Was wird aufgehoben, was nicht? Das hat einen langen Hintergrund. Ich habe beim Schreiben der Texte festgestellt, dass diese Arbeit eine Relevanz in Bezug auf die Bedeutung hat, die wir medialen Bildern heute beimessen. Welche Wahrheit trauen wir ihnen noch zu? Da merkt man, dass sich die Dinge überschneiden, denn Fake-Bilder im Internet haben mitunter etwas mit rechtspopulistischen Bewegungen oder Cyber-Angriffen zu tun, wenn das Netz mit Desinformationen geflutet wird.

In „Are you sure you want to delete this?“ stellen Sie junge Künstler:innen vor. Was unterscheidet die Arbeiten von denen der älteren?

Sie haben, was die mediale Bedeutung von Bildern angeht, ein anderes Bewusstsein. Arne Schmitt zeigt Fotografien, die das Gedächtnis der Stadt zum Inhalt haben. Vom Titel her würde man vielleicht ein bombastisches Gebäude erwarten. Wir sehen aber das Bauloch des ehemaligen Stadtarchivs in Köln auf der Severinstraße. Schmitt hat sich damit beschäftigt, welche Bedeutung wir etwas zuschreiben, wenn wir es verloren haben und es nur noch die Bilder einer Fehlstelle gibt. Ähnlich ist das mit anderen Künstler:innen, die sich zum Teil radikal mit dem Sujet beschäftigen. Nehmen wir Roland Regner. Er hat sich sein eigenes Fotoarchiv vorgenommen und zum Objekt der künstlerischen Auseinandersetzung gemacht. Er löste seine Fotografien auf und schuf daraus abstrakte Kunstwerke. Dabei ließ er die Bilder durch Computerviren beschädigen oder mit gezüchteten Bakterien infizieren.

Sie schreiben in der Presseankündigung über „Intervention: Fehlstellen“, die gezeigten Werke erzählten eine eigene Geschichte mit vielen Perspektiven. Wovon handelt diese Geschichte?

Hier habe ich als Kurator sehr genau auf die aktuellen Diskussionen geschaut. Wer fehlt denn eigentlich in der Sammlung? Es wurde klar, das Künstler:innen, die ins Exil gegangen waren aufgrund des fehlenden Wohnorts in NRW, keine Unterstützung erhielten. Wir haben dann auch Werke von jüdischen Künstler:innen erworben, die den Holocaust nicht überlebt haben. Diese Leute haben wir jetzt in die Ausstellung übernommen und Fehlstellen geschlossen.

Nach der Sanierung des Hauses berichteten Sie in unserem letztjährigen Gespräch von neuen Nutzungsmöglichkeiten des Gartenareals. Was erwartet die Besucher:innen dort?

Uns steht das ganze ehemalige Klostergelände als Skulpturengarten zur Verfügung. Dort steht unter anderem eine Installation von Fari Shams, die eine Art Natural History Museum installierte. Man sieht dort Gärten aus unterschiedlichen Zeitaltern, zum Beispiel den Barock- aber auch den Schrebergarten. In der Mitte des Areals gibt es einen großen Picknicktisch, der einladen soll, den Ort als Treffpunkt zu nutzen.

Kunsthaus NRW Kornelimünster: Ein Sommer in vier Ausstellungen | Are you sure you want to delete this? | bis 1.9. | Wildfire (meditation on fire) | bis 28.7. | Intervention: Fehlstellen – Leere Seiten der Sammlung | bis 18.8. | Skulpturengarten – Zwischenspiel mit Ankerplatz | bis 3.11. | 02408 64 92

Interview: Thomas Dahl

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