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„Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten“
Foto: Thilo Beu

Karls rote Socken

22. Dezember 2016

„Unterhaltungen…“ am Theater Bonn – Theater am Rhein 01/17

Der Pöbel redet über Politik? Eigennutz von unten statt von oben? Gesellschaftliche Institutionen umwälzen? Nicht mit dem Geheimrat! Ein Freund der Französischen Revolution war Goethe wahrlich nicht. Seine „Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten“ beschreiben die Reaktion einer adeligen Familie auf die Vertreibung durch französische Revolutionstruppen. Man erzählt sich Geschichten, um den Schrecken zu bannen. Doch es geht um mehr. Dialogisch werden divergierende Positionen in die Balance gebracht, der Gewalt wird humane Bildung entgegengesetzt, Contenance und Haltung propagiert, ohne zu Moralisieren.

Luise Voigt wagt mit ihrer Inszenierung in der Werkstatt am Theater Bonn etwas Verblüffendes. Sie überbietet Goethes ästhetisierenden Ansatz mit einer höchst durchstilisierten Interpretation. Die Stimmen der fünf Schauspieler sind durchweg verzerrt, ihre Bewegungen folgen Schauspieltheorien des 18. Jahrhunderts, aus den Lausprecherboxen ertönt eine Soundcollage zwischen Einschlägen, Klängen eines präparierten Klaviers und düsterem Dröhnen. In der Mitte trennt die Bühne ein Wassergraben wie der Rhein, den die Familie überqueren muss. Die Figuren muten lemurenhaft an: Bernd Brauns Abbé in Strumpfhosen und angeklatschten Haaren wirkt wie eine Karikatur; Birte Schreins ergraute Baroness bewegt sich am Rande des Keifens, Mareike Heins Luise ist ein schreckhaftes Angstbündel und Friedrich (Manuel Zschunke) ein erblondeter Beau. Nur der revolutionsbegeisterte Karl des Daniel Breitefelder mit roten Socken (!) geht als Wesen aus Fleisch und Blut durch. Die Regie zeichnet ein Bild einer Gesellschaft, die in ihren Konventionen erfroren ist. Die Stimmen sind verschattet, die Bewegungen abgezirkelt. Entlarvt Voigt damit Goethes Antidot gegen die Revolution oder zielt sie auf unseren Habit, mit dem wir auf Protestbewegungen oder dem Terror reagieren? Der hohe Grad der Stilisierung verleiht dem Abend etwas Hermetisches, das mitunter auch langweilt. Die Selbstgenügsamkeit der Klasse färbt letztlich auch auf die Inszenierung selbst ab.

„Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten“ | R: Luise Voigt | 29.12., 11., 14., 19.1. 20 Uhr | Theater Bonn | 0228 77 80 22

HANS-CHRISTOPH ZIMMERMANN

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