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Julius von Bismarck: Fire with Fire, 2020
© the artist / VG Bild-Kunst, Bonn 2020

In Zeitlupe durch brennende Wälder

14. Oktober 2020

Julius von Bismarck in der Bundeskunsthalle – Kunstwandel 10/20

Es brennt so schön und flackert hell. Feuer ist seit Menschengedenken ein besonderes, wenn auch gefährliches Faszinosum. Titan Prometheus zahlte für seinen mythischen Geheimnisverrat an die Menschen einen hohen Preis – wahrscheinlicher war es, dass Blitze dies erledigten, ohne Zeus. Der Künstler Julius von Bismarck (jaja sein Urururgroßonkel) arbeitet in seiner Ausstellung „Feuer mit Feuer“ in der Bonner Bundeskunsthalle mit diesem uralten Mythos, der bis heute unsere Beziehung dazu dominiert. Ewiges Feuer, schnöde Vergänglichkeit und heillose Katastrophen, wenn wir nur an die aktuellen Dauer-Waldbrände auf der Welt denken. Der Künstler ist für sein Video „Fire with fire“ (LED-Screen, 67 min) hautnah dabei gewesen.

Der erste Eindruck seiner Ausstellung in der Ostgalerie ist ein getöpfertes Spalier aus acht Denkmälern mit ewigen Flammen. So der achtzackige glasierte Keramik-Stern aus Aserbaidschan, der im Monument Shahidlar in Baku sein Feuer brennt, oder die stilisierte Freiheitsstatue Glory*Glory*Glory* aus Polystyrol. Sie alle erzeugen ihre Holo-Flammen technisch geschickt rauchfrei über ein rotierendes LED-Display und führen hintereinander wegweisend zur zentralen Video-Psychoanalyse der Welt im Rorschach-Diagnose-Stil.

Dafür war Julius von Bismarck mit Feuerwehr-Spezialeinheiten unterwegs, wurde mit Hubschraubern in Waldbrandgebieten abgesetzt und durfte dort mit einer Zeitlupenkamera drehen. Diese kamerabewegten Sequenzen zwischen Zündeln und Lodern hat er dann wie die bekannten Tintenklecks-Bilder des Schweizer Psychoanalytikers Hermann Rorschach in der Mitte gespiegelt und mit den entstehenden Doppelungen und dem dunkel düsteren Grundton den Mythos im kollektiven Gedächtnis bedient. Wer weiß, was die Besucher je nach Geschlecht, Alter und Bildung da zu sehen glauben – Fabelwesen, feurige Tunnel oder Dämonen des Waldes. Ursache sei die Symmetrie, die allem Lebendigen anhafte, so der Künstler, der sich in der Vergangenheit häufig mit Natur und ihren Katastrophen beschäftigt hat. So peitschte er in „Punishment“ (Schweiz, USA, Brasilien, 2011–2012) Berge und das Meer, in Venezuela löste er mit Raketen Blitze aus und formte sie dadurch. Doch auf Dauer lässt die Natur nicht mit sich spielen, nicht einmal mit großartiger Kunst.

Julius von Bismarck: Feuer mit Feuer | bis 24.1 | Bundeskunsthalle Bonn | 0228 917 10

PETER ORTMANN

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