Kinokalender
Mo Di Mi Do Fr Sa So
20 21 22 23 24 25 26
27 28 29 30 1 2 3

12.035 Beiträge zu
3.507 Filmen im Forum

„Radikal“
Foto: Thilo Beu

Im Zweifel für den Zweifel

29. Juni 2017

Mirja Biel lässt in Bonner Werkstatt „Radikal“ performen – Theater am Rhein 07/17

Manchmal überrollt das Zeitgeschehen die zeitgenössische Theaterwelt. Einige Tatbestände entwickeln sich einfach immer weiter. Das ist mit dem 2011 erschienenen Roman „Radikal“ von Yassin Musharbash nicht anders. Längst hat die Geschwindigkeit und Nähe der Einschläge in Old Europe zugenommen, längst sind Sicherheitsaspekte zum finalen Wahlkampfthema geworden. Mirja Biel will wohl all dies einfließen lassen, wenn sie die Textvorlage in der Bonner Werkstatt performen lässt.

Auf der Bühne steht ein stilisiertes Großraumbüro aus Gittern, der Boden übersät mit Computerausdrucken, es nebelt. Eine riesige Kartoffel auf zwei Beinen kämpft sich über die Bühne, eine Stimme aus dem Off rezitiert fortlaufend Interview-Antworten. Dann folgt eine Explosion – die Kartoffel ist tot. Ein Anschlag mitten in Berlin, mitten in einer Redaktion. Opfer war der muslimische Grünenpolitiker Lutfi Latif, der als Abgeordneter im Bundestag wohl zahlreiche Feinde in unterschiedlichen Lagern hatte. Al-Qaida bekennt sich umgehend, für die Presse ist das ein gefundenes Fressen, die Insider dort fühlen sich bestätigt, suchen nur noch nach der geeigneten Headline.

Biel hätte aus „Radikal“ einen netten Krimiabend mit Agenten, Kripobeamten und investigativen Journalisten machen können, doch es kommt anders. Strukturiert durch die verschiedenen Räume, wird die eigentliche Hinterfragung der Urheber des Attentats eingebettet in eine wüste Choreografie, die es möglich macht, den handelnden Figuren neben den Dialogen auch die Macht der Bilder zu übertragen. Denn die bestimmen heute über Wahrheit und den Zweifel daran. Und dieser Zweifel wird in der Gesellschaft immer stärker. Matthias Nebels Bühnenbild liefert visuelle Ankerpunkte zwischen Abbildern Karls des Großen oder Luis Buñuels Auge vor dem Schnitt, aber auch mit unbeschriebenen weißen A4-Blättern und endlosen Requisiten in den acht Zellen.

Latifs Assistenten und die junge Reporterin misstrauen dem Bekenntnis der klerikalen Terroristen, sie suchen die wahren Hintermänner des Anschlags, denn was die wenigsten wissen, die Ziele der neuen Rechte decken sich erstaunlicherweise mit denen der bärtigen Fanatiker. Also graben sie weiter, liefern Fakten, immer wieder lässt die Regie über einen Beamer ein Live-Video projizieren, immer wieder bricht Performatives die Handlung und die Dramaturgie. Mit durchsichtigen Masken wechseln die vier tollen Darsteller unterschiedliche Rollen. Stück und Regie hinterfragen auch die Rolle der Medien, das ewige „Das kann man nicht miteinander vergleichen“ und die Diffamierung ohne Faktenlage.

Und Biel hinterfragt Heimat und Identität der Menschen, die unter dieser Diffamierung am meisten leiden müssen, denn die Islamisten haben längst eine ganze Religion gehijackt. Also müssen wieder Bilder her, es wird getanzt, die roten Fahnen flattern, T-Shirts mit pseudoreligiösen Aufdrucken werden gewechselt; ja, die Gedanken sind frei, der Ku-Klux-Klan ist Kacke – und was erst ein bisschen nach Effekthascherei aussieht, entpuppt sich dann doch auch als Analyse rechter Gewalt.

„Radikal“ | R: Mirja Biel | Do 6.7. & Fr 14.7. 20 Uhr | Theater Bonn Werkstatt | 0228 77 80 08

Peter Ortmann

Neue Kinofilme

Justice League

Lesen Sie dazu auch:

Kampf der Geschlechter
Othmar Schoecks Kleist-Oper „Penthesilea“ – Opernzeit 11/17

Oper oder Musical?
Andrew Lloyd Webbers „Sunset Boulevard“ in Bonn – Musical in NRW 11/17

Mit Kunst das Klima retten
„Save the World IV“ während der Weltklimakonferenz in Bonn – das Besondere 11/17

Amy und die wütenden jungen Männer
Theater zum Jahreswechsel im Rheinland – Prolog 11/17

Tragisches Adrenalin
„Die heilige Johanna der Schlachthöfe“ am Theater Bonn – Theater am Rhein 11/17

Du mein Geldgott!
Volker Lösch inszeniert „Bonnopoly“ am Theater Bonn – Auftritt 10/17

Skalpell im Gehirn
Theaterexpeditionen im November – Prolog 10/17

Theater am Rhein.