Kinokalender
Mo Di Mi Do Fr Sa So
12 13 14 15 16 17 18
19 20 21 22 23 24 25

12.069 Beiträge zu
3.528 Filmen im Forum

„Geächtet“
Foto: David Baltzer

Humane Oberflächenphänomene

29. Juni 2017

„Geächtet“ im Schauspiel Köln – Theater am Rhein 07/17

Es gibt nichts hilflos-komischeres als bürgerliche Intellektuelle, die sich im Dickicht ihrer Diversity-Welt verirren – und dabei immer weiter im rassistischen Sumpf versinken. Ayad Akhtars mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnetes Konversationsstück „Geächtet“ macht den pakistanischstämmigen New Yorker Anwalt Amir Kapoor zum Testfall. Reich und erfolgsversessen will er um jeden Preis Teilhaber seiner Kanzlei werden – dafür hat er seinen Namen von Abdullah in Kapoor geändert. Klingt weniger pakistanisch. Er distanziert sich harsch vom Islam. Ist aber mit der Künstlerin Emily verheiratet, die die islamische Kunst als Inspirationsquelle entdeckt. Sie wird unterstützt von ihrem jüdischen Kurator Isaac, dessen afroamerikanische Frau Jory wiederum Kollegin und Konkurrentin von Amir ist. Bei einem gemeinsamen Essen liefert sich das Quartett eine Schlacht. Das Stück ist eine Illustration des alten „Orientalismus“-Gedankens von Edward Said, nach dem sich der Westen und die islamische Welt in gegenseitigen Projektionen spiegeln.

Stefan Bachmanns Inszenierung in der Außenspielstätte treibt dem Stück seinen sarkastischen Komödienton aus und frönt einem Dialog-Realismus. In einem Bühnenkasten mit New Yorker Skyline-Fototapete (der akustisch eine Zumutung ist) gibt Simon Kirsch den alerten, stylishen Amir, der sich von seiner naiv-islamophilen Ehefrau Frau Emily (Melanie Kretschmann) als Sklave (nach Velazquez) malen lassen muss. Niklas Kohrts Isaac ist das Klischee des Kurators mit Kunstgeblubber und Cordjackett, Thelma Buabeng als seine Frau Jory gibt die lebensfrohe Karrieristin, die Amir als Teilhaber überholt. Die Regie verweigert den Figuren eine psychologische Begründung ihrer Haltung, sondern zeigt sie als humane Oberflächenphänomene. Der Witz von Akhtars Stück ist, dass es die verlogene Selbstgerechtigkeit des Publikums miteinkalkuliert und Rezeptions-Fallen bereithält. Bachmann folgt dem insofern, als seine deutungsarme, psychologisch unterkomplexe Inszenierung sich für Projektionen der Zuschauer offenzuhalten versucht – was aber nur teilweise funktioniert und mitunter die Inszenierung allzu blutleer erscheinen lässt.

„Geächtet“ | R: Stefan Bachmann | Fr 29.9., Sa 30.9., Di 3.10. 20 Uhr | Schauspiel Köln | 0221 22 12 84 00

HANS-CHRISTOPH ZIMMERMANN

Neue Kinofilme

Black Panther

Lesen Sie dazu auch:

Der Staubsauger flippt aus
Sasha Waltz zeigte ihr Meisterstück „Allee der Kosmonauten“ in Köln – Tanz in NRW 02/18

„Ohne Hoffnung und Verzweiflung“
Armin Petras inszeniert Gerhart Hauptmanns „Die Weber“ – Premiere 02/18

Die Strippenzieher
Opfer, Täter und ein toter Gott auf den Bühnen – Prolog 02/18

Die Kamera als Freund der Einsamen
„Hool“ am Schauspiel Köln – Theater am Rhein 02/18

Die Welt ist sich längst genug
Rafael Sanchez inszeniert Samuel Becketts „Endspiel“ – Theater am Rhein 02/18

Patchwork der Identität
Lilja Rupprecht inszeniert Tracy Letts‘ Szenenkonvolut „Mary Page Marlowe“ – Auftritt 01/18

Das arme Schwein an sich
Frühjahrs-Premieren in Köln – Prolog 01/18

Theater am Rhein.