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Foto: Thilo Beu

Raus aus der Opferrolle

26. Juni 2019

„House of Horror“ in Bonn – Theater am Rhein 07/19

Es kommt eine Zeit, da wird die Besetzungscouch explodieren, in Wirklichkeit kommt die wohl erst wenn der Planet verglüht, im Schauspielhaus Bonn zerreißt es sie nach gut zwei Stunden. Auf einer Riesenleinwand, in Slow Motion und mit den artifiziellen Repeat-Attitüden, ein schon oft gesehenes Bombardement von Teilchen. Davor musste das Publikum durch einen gruseligen theatralischen Parcours der aktuellen, endlich wehrhaft werdenden weiblichen Befindlichkeiten.„House of Horror – Theater. Frauen. Macht.“ Volker Lösch hat gemeinsam mit der Dramaturgin und Filmemacherin Christine Lang eine Tatbestandsaufnahme erarbeitet, die die absurde Situation von Frauen im Kulturbetrieb analysiert und mit erschreckenden Zahlenwerken untermauert und die Bonner haben sich aufs Theater beschränkt – wehe wenn wir in die Museen schauen und auf das was da drin hängt, von den Chefetagen ganz zu schweigen. Lösch spiegelt keinen Zeitgeist, das Stück hämmert den Zuschauern spielerisch und mit einem Bonner-Bürger-Chor Fakten um die Ohren.

Zurück auf die Bühne: 75 Prozent aller Stücke und 70 Prozent aller Inszenierungen sind von Männern. Trotz der Statistik stehensieben Schauspielschülerinnen (zwei davon Männer!) auf der Bühne, begeben sich euphorisch in die Ensemble-Mühle. Auf den Brettern steht die brutal-große braune Ledercouch und die anschließende brachiale männliche Probenarbeit zermürbt, ist boshaft, frauenfeindlich und verletzend. Aber die Rollen sind es natürlich auch, und so tauchen sie auf: Hamlets Geliebte Ophelia ersäuft in einem Bach, das Gretchen in Faust, das wahnsinnig wird und ihr Kind tötet, Medea tötet gleich alle Kinder und nur weil der geile Jason sie verlässt und so weiter. Die Liste ist schier endlos, die frauenfeindlichen Stücke auf deutschsprachigen Spielplänen omnipräsent. Lösch nutzt als Beispiel im Stück Shakespeares Titus Andronicus. Die Vergewaltigungsszene entgleist bei der Probe, der Schmerz wird echt und damit privat, Lydia bricht ab. „Mal dir ´nen Schwanz an den Text“ ist der Kommentar. Aber die weiblichen Rollen wollen nicht mehr und zwei werden in die Innereien des Theaters gezogen und müssen in der männlichen Traumwelt ausharren, wo Womanizer wie Dieter Wedel und Bertolt Brecht hausen, wo Jack sei Unwesen treibt und frauenfeindliche Literatur-Zitate abgefragt werden. Auch wenn es weh tut – hingehen.

„House of Horror – Theater. Frauen. Macht.“ | R: Christine Lang, Volker Lösch | Sa 29.6. 19.30 Uhr | Theater Bonn | 022877 80 08

PETER ORTMANN

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