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Ohne Umkehr
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Geburt – Trauma oder Traum?

20. Dezember 2018

Das Kölner Geburtshaus fördert die Selbstbestimmung werdender Mütter

Die Geburt, das natürlichste der Welt? Heutzutage ist eine Schwangerschaft weniger ein schicksalhaftes Ereignis, sondern viel eher Risikomanagement, das es reibungslauf zu organisieren gilt. Sie folgt nicht selten der Logik einer bewussten Entscheidung oder auch einer ökonomischen Abwägung. Von der Natürlichkeit der Geburt ist wenig übriggeblieben. Kaum eine Geburt verläuft ohne irgendeine Form der Intervention, weniger als zwei Prozent finden außerhalb eines Kreißsaals statt. Und das, obwohl Frauen über Jahrtausende ihre Kinder ganz ohne Wehentropf und hochwirksame Schmerzmittel zur Welt brachten.

In Köln kamen im Jahr 2017 fast 12.000 Kinder zur  Welt, davon 140 im Geburtshaus in Ehrenfeld. Das Geburtshaus besteht im kommenden Jahr seit dreißig Jahren – und es ist immer noch das einzige Geburtshaus in Köln. Ein Fakt, den Hebamme Mariana Zech nicht nachvollziehen kann. „Die Nachfrage alternativer Geburtsorte steigt, doch wir können diese gar nicht auffangen. Wir haben jeden Monat eine Warteliste. Und trotzdem sind wir in einer Stadt wie Köln seit dreißig Jahren das einzige Geburtshaus“, sagt sie. Sie selbst arbeitet seit neun Jahren im Geburtshaus und hat sich bewusst dagegen entschieden als Hebamme in der Klinik zu arbeiten. „Meine erste Hausgeburt habe ich in meinem ersten Praktikum erlebt, noch bevor ich meine Ausbildung begonnen habe“, sagt sie. Das war ein Schlüsselerlebnis, das ihre Arbeit prägen sollte. „Die Frau bekam ihr Kind in ihrem vertrauten Zuhause und danach saßen wir alle zusammen im Wohnzimmer und aßen Pizza“.

Ein Szenario, dass in der Klinik nicht vorstellbar ist. Hier sind die Erfahrungen der Schwangeren oftmals von Zeitdruck, gehetzten Hebammen und Schmerzmitteln geprägt. Das stellte auch Linda Gharbi fest. Sie selbst gebar ihre Tochter im Krankenhaus und hat gute Erfahrungen gemacht, doch nach der Geburt verglich sie ihre eigenen Erfahrungen mit den teils traumatischen Erlebnissen anderer Frauen. „Mir fiel auf, dass bei diesem natürlichsten aller Vorgänge die Frau immer mehr ihrer Autonomie beraubt wird. Das eigene Gefühl der Frau zählt nicht, durch alle möglichen Tests und Untersuchungen wird eine Gewissheit suggeriert, die es real nicht gibt“, sagt die 31-jährige Sozialwissenschaftlerin. Das veranlasste sie, ihre Staatsarbeit darüber zu schreiben. „In unserer Gesellschaft wird suggeriert: Eine Geburt ohne Medikamente oder Arzt ist gefährlich. Auch ich wurde von meiner Frauenärztin teilweise schief angeguckt, wenn ich gesagt habe, diese und jene Untersuchung brauche ich nicht. Für mich waren das Tests, die mir nichts gesagt haben, die mir auch keine Sicherheit gegeben haben. Damit wird einem nur Angst gemacht“, so Gharbi.

Sie hat den Eindruck, dass Schwangerschaft grundsätzlich als potentielles Risiko betrachtet wird. Diese Entwicklung schlägt sich beispielsweise in den Einträgen im Mutterpass wieder. Rund 75 Prozent der Schwangerschaften werden als Risikoschwangerschaften definiert. Das liegt nicht zuletzt daran, dass sich von 1974 bis 2014 der im Mutterpass festgehaltene Risikokatalog von 12 auf 52 Merkmale erweitert hat, wozu unter anderem das Alter der Frau zählt.

Das macht etwas mit der Art, wie Frauen über die Geburt ihrer Kinder denken. Sie haben immer weniger das Gefühl, das sie eine Geburt ohne medikamentöse oder operative Hilfe bewältigen könnten. „Aber eine Geburt ohne jegliche Hilfe von außen ist möglich. Und etwas Wundervolles, wenn die Frau das möchte“, so Hebamme Mariana Zech. Damit das gelingen kann, sei vor allem die empathische Begleitung wichtig. „Im Geburtshaus arbeiten wir mit einem ganzheitlichen Konzept. Das bedeutet, jede Frau hat eine Hebamme, die auch nicht mehr wechselt und drei Wochen vor Geburtstermin in Dauerbereitschaft geht“, so Zech. Ein Konzept, das für viele Hebammen die Arbeit im Geburtshaus unattraktiv macht. „Natürlich ist das eine Einschränkung, aber ich nehme sie gerne auf mich, weil ich sehe, dass es funktioniert“, sagt sie. Im Geburtshaus finden 72 Prozent der Geburten ohne jegliche Intervention statt. Nicht zu vergleichen mit den Kreißsälen: Hier sind es gerade einmal 2 Prozent.

„Das liegt zum einen an der Verfügbarkeit der Schmerzmittel, zum anderen daran, dass das Personal nicht ausreichend Zeit hat eine Frau permanent während der Geburt zu betreuen“, sagt Zech. Außerdem würde sie sich wünschen, dass jeder Arzt in seiner Ausbildung einer Hausgeburt beiwohnen würde. Denn zugucken und abwarten: das fällt den meisten Ärzten schwer. Und so kommt es zu Eingriffen, die es nicht braucht. Trotzdem hält sich die These, eine Geburt im Krankenhaus sei sicherer als Zuhause. „Es ist paradox. Schließlich befindet man sich bei einer Hausgeburt oder im Geburtshaus an einem ruhigen Ort, an dem nicht noch vier andere Frauen ihr Kind zur Welt bringen und die persönliche Hebamme bleibt die ganze Zeit dabei“, sagt Zech. Und sollte die Frau doch nach Schmerzmitteln wünschen oder die Geburt dauert zu lange, dann fährt Zech mit der Schwangeren ins Krankenhaus. „Etwa 28 Prozent der bei uns angemeldeten Geburten finden schließlich doch im Krankenhaus statt. Das erscheint viel, aber zeigt auch, dass wir verantwortungsbewusst mit den Geburten umgehen und nicht auf Biegen und Brechen eine natürliche Geburt erzwingen wollen“, sagt Zech.

Schließlich sieht Zech den Grund dafür, dass sich kaum jemand für eine Geburt im Geburtshaus oder Zuhause entscheidet, darin, dass schlicht kaum jemand davon weiß. „Die meisten beschäftigen sich erst mit dem Thema, wenn sie schwanger sind. Wir werden so sozialisiert, dass man sein Kind im Krankenhaus bekommt“, sagt Zech. Viele wissen erst bei ihrem zweiten Kind von der Möglichkeit auch außerhalb des Kreißsaals ihr Kind zu bekommen. Und oft sind es gerade negative Erfahrungen aus dem Kreißsaal, die die Frauen für ihre zweite Geburt zum Geburtshaus bringt. „Das ist schade, weil für viele Frauen die erste Geburt die einzige in ihrem Leben bleibt“, sagt auch Linda Gharbi. Sie hat im Zuge ihrer Arbeit festgestellt: Viele Frauen wissen gar nicht, was eine Hebamme macht – und, dass es ein ebenso professioneller Beruf ist wie der Arzt.

Mariana Zech ist oft noch mit Fragen konfrontiert wie: Es ist wirklich kein Arzt bei euch dabei? Ist das nicht gefährlich? „Die Geburtshilfe ist im Medizinstudium ein ganz kleiner Teil, ich aber habe drei Jahre lang nichts anderes gelernt. Ich kann das. Das ist mein Beruf“, sagt Zech. Sowohl für Zech, als auch für Gharbi zeichnet professionelle Geburtshilfe nicht die Abgabe besonders vieler Medikamente und das durchführen von tausenden Tests aus. Professionelle Geburtshilfe bedeutet, Frauen wieder klar zu machen, dass sie ihrem eigenen Gefühl vertrauen können. Sie allein entscheiden, was sie gerade brauchen. Und das kann ein fester Händedruck sein, das kann auch ein Schmerzmittel oder ein Kaiserschnitt sein. Hauptsache, es fühlt sich für die Schwangere richtig an.


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