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„Agri-Care Prize“, Alicja Rogalska, Bronzekartoffel auf Samtkissen, 2017-18 (Jersey Royal Kartoffel Design: anonymer Wanderarbeiter, Gussform: Kasia Garapich, Kissen: Ruth Skinner)
Foto: Thomas Dahl

Gute-Nacht-Geschichten mit Gesellschaftskritik

13. Januar 2022

Alicja Rogalska in der Kölner Temporary Gallery – Kunst 01/22

Eintritt in eine träumende Welt, die zwischen Ruhe- und Nachtmahrphasen kreist: Wer sich in die plumeau- und kissenbedeckten „Schlafzimmer“ der multimedialen Werkschau „From Ground to Horizon“ in der Temporary Gallery begibt, muss zunächst die Schuhe ausziehen. Auf Socken geht es sich leiser und zudem – unabhängig vom sozialen Status der Besucher – gleicher auf den mit Heu befüllten Textilien. In drei Räumen erzählt Alicja Rogalska in einer Werkzusammenstellung aus den Jahren 2011 bis 2021 Gute-Nacht-Geschichten über den Untergang von Menschenwürde im Schatten des Profits, der als ewig hungrige Macht-Maschinerie temporäre Wohlstandsgefühle auf Kosten einer unvergänglichen Armut produziert. Billige Wanderarbeiter, auf den Äckern nach Kartoffeln wühlend, zeugen davon – ebenso wie der strahlend blaue Horizont im Hintergrund, der nicht für die Augen der Schuftenden bestimmt scheint („Alien Species. Jersey Migrant Worker Archive“). Die Protagonisten senken ihre Blicke vornehmlich Richtung Boden, wie in ein bescheidenes Grab, das sie mit ihren Händen selbst ausheben müssen.

Das Rendezvous mit stiller Wut, Traurigkeit und dezentem Sarkasmus zieht sich wie eine überdimensionale Decke durch die gedämpften Räumlichkeiten, streift dabei die Gestalten entrechteter slowenischer Bürger, denen das Parlament nach der Abspaltung von Jugoslawien 1991 die soziale Identität nahm („The Aliens Act“), betört mit einem Ballett über die automatisierte Herstellung von Glasfaserkabeln für den blühenden Internethandel („Dark Fibres“) und wiegt sich in die Zukunft mit einem bewegenden Portrait über das menschliche Altern und die damit verbundene Pflegeverantwortung der jüngeren Generation. Höhepunkt einer spirituell-sinnlichen Ausstellung ist der mittige Dunkelraum, dessen Ambiente dem einer Kapelle gleicht. Der Altar ist bestückt mit Tonkrügen, die zur Abgabe individueller Emotionen wie Gier oder Eifersucht einladen („Heavy Vessels“). In fieberrotem Leuchten erhellt oder verfinstert je nach Betrachtung ein Glasgefäß, gefüllt mit Tränen als Elixier des Schmerzes, die sakral anmutende Stätte. Deren Produzenten sind polnische Arbeitslose, die in einem Lubliner Geschäftsviertel ihre Trauer und Fassungslosigkeit über die Utopie von Solidarität sowie sozialer Gerechtigkeit einem „Tear Dealer“ für 25 Euro pro drei Milliliter überließen.

Stets umarmt von der tröstlichen Melodie eines a-cappella-intonierten zeitgenössischen Volksliedes („Broniów Song“) wandelt der Ausstellungsgast durch das fragile Geflecht einer außerirdischen, weil höchst befremdlichen Zivilisation, die sich durch ihre Sehnsüchte träumt und dabei das Aufstehen verschläft.
Die Ausstellung wird begleitet von einem umfangreichen Nebenprogramm mit einer öffentlichen Aktion, Künstlergesprächen, Führungen, Lesungen, einem Redebeitrag über sozial engagierte Kunst und einem Wellnesstag für Kölner Aktivisten. Die Realisierung des Vorhabens erfolgte mit Unterstützung des Berliner Künstlerprogramms „DAAD“ (Deutscher Akademischer Austauschdienst).

Alicja Rogalska: From Ground to Horizon | bis 13.2.2022 | Temporary Gallery | 0221 30 23 44 66

THOMAS DAHL

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