Kinokalender
Mo Di Mi Do Fr Sa So
22 23 24 25 26 27 28
29 30 1 2 3 4 5

12.558 Beiträge zu
3.787 Filmen im Forum

„Unruly Kinships“, „Motherboards“, Selma Selman, 2023
Foto: Thomas Dahl

Die Überwindung des Blutes

04. April 2023

„Unruly Kinships“ in der Temporary Gallery – Kunstwandel 04/23

„I am what I draw/and I draw what I dream/I dream before I think/I think and I fear ...“(„Ich bin was ich zeichne/und ich zeichne was ich träume/Ich träume bevor ich denke/Ich denke und ich fürchte ...“) finden sich handgeschriebene Zeilen an einer unscheinbaren Wandecke der Temporary Gallery. Als ob sie übersehen werden sollten, fordern die blässlich-dünn geschwungenen Kritzeleien dennoch zum Verharren zwischen grobschlächtigem Elektromüll und der benachbarten Film-Doku über die Dekonstruktion eines Mercedes Benz auf. Dazwischen: über Tischrändern schaukelnde Karton-Geschöpfe, Totenfeiern für den Papst, Wanderungen durch die Göttlichkeit der Natur, ein aus Reiskörnern, Muscheln, Blütenblättern, Streichholzschachteln, Schraubenmuttern, Gold, Silber, Kupfer errichtetes Königreich aus Dinglichkeiten, eine Gebirgs- und Höhlenlandschaft (getragen von Rotterdamer Bäumen), politische Statements zu den Themenkomplexen Emanzipation, Diversität, Nachhaltigkeit und nicht zuletzt die Imagination von Löchern in Form von künstlerisch antizipierten Körperöffnungen sowie dunklen und erhellenden kosmischen Dramen.

15 internationale Künstler:innen und Ensembles aus den unterschiedlichsten Genres weben in der Stätte an einem vierdimensionalen Netz aus Verwandtschaften, die das Blut als Grundelixier überwunden und das Unterbewusstsein als oberstes Prinzip für Lebensverbindungen entdeckt haben, das Begrifflichkeiten wie Spezies, Art, Subjekt oder Objekt dem Instinkt als Gefühlseinheit entgegensetzt. So winden sich Tusche, Graphit, Metall, Acryl, Tinte, Schnüre, Öl und Klänge auf ihrem Lebenspfad über Gesteine, Holz und Papier durch virtuelle Welten in eine Richtung vertrauter Ungläubigkeit. Leichter ist es zu trennen als zusammenzufügen, sich in überschaubaren Schubladen zum Schlafen, Sterben oder Vergessen zu betten. „Unruly Kinships“ trotzt diesen allzu menschlichen Gesetzmäßigkeiten mit einem großen Familientreffen, das nicht die Völlerei in Bezug auf Speisen und Getränke bedient, sondern das solidarische Miteinander in einem Labyrinth hallender Fragen zu Schein oder Sein zelebriert. Verirren unmöglich. Hier ist man am rechten Ort. Der Angst angesichts der Idee von Vergänglichkeit folgt ein Lächeln. Die multiple Präsentation wird durch Symposien und zusätzliche Auftritte ergänzt.

Unruly Kinships | bis 30.4. | Temporary Gallery | 0221 30 23 44 66

Thomas Dahl

Hat Ihnen dieser Beitrag gefallen? Als unabhängiges und kostenloses Medium sind wir auf die Unterstützung unserer Leserinnen und Leser angewiesen. Wenn Sie uns und unsere Arbeit finanziell mit einem freiwilligen Betrag unterstützen möchten, dann erfahren Sie über den nebenstehenden Button mehr.

Neue Kinofilme

Challengers – Rivalen

Lesen Sie dazu auch:

Geträumter Galopp
„Hold your horses“ in der Temporary Gallery – Kunstwandel 09/22

(Neue) Dialoge zwischen Mensch und Natur
„Talk to Me – Other Histories of Nature” in der Temporary Gallery – Kunst 05/22

Gute-Nacht-Geschichten mit Gesellschaftskritik
Alicja Rogalska in der Kölner Temporary Gallery – Kunst 01/22

Kunst.

Hier erscheint die Aufforderung!