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Das „Labor“ in der Ebertplatzpassage
Foto: Dora Cohnen

Mitten im Spannungsfeld

08. November 2017

Aktuelle Ausstellungen in den Ebertplatzpassagen – Kunst 11/17

Der Ebertplatz ist ein öffentlicher, künstlerischer und politischer Raum. Die künstlerischen Positionen in den vier ansässigen Galerien stehen sich inhaltlich wie auch tatsächlich architektonisch gegenüber, sorgen für Austausch und Ergänzung und spannen ein weites Netzwerk aus Ideen und kunstinteressierten Menschen. In dem Rummel der aufreibenden Pressemeldungen und der sich überschlagenden Ereignisse über plötzliche Kündigungen und des von der Stadt vermeintlich geplanten „Zumauern“ der Eingänge als Reaktion auf die Drogenkriminalität rufen die Galerien gemeinsam zum solidarischen Besuch des Ebertplatz auf. Mit den Hashtags #unserebertplatz und #reclaimebertplatz zeigen sie auf den sozialen Netzwerken, wie er gestaltet werden kann und wurde.

Der Kunstverein Brunnen e.V. am Ebertplatz startete heute eine Online-Petition „Abschaffung des Kunststandortes Ebertplatz stoppen!“, in der insbesondere eine Rücknahme der Kündigung des Kunstraums Labor gefordert wird und die Einbeziehung von Öffentlichkeit, Kulturamt, Bezirksvertretung und Galerien in die Planungen. Der normale Betrieb geht weiter, doch was wird aktuell ausgestellt?

Man kommt nicht umhin, den von Problematiken umwebten Platz irgendwie zu romantisieren: Wie goldene Kästen voller Kunst leuchten die Galerien der Ebertplatzpassagen im grauen Beton, halb unter der Erde. „Messing-Gold-Dreck-Grau“ nennt Kuratorin Maria Wildeis die Ästhetik, die dort anzufinden ist: „Da entsteht immer eine Art visueller Wettbewerb zwischen der Kunst und der Architektur. Deswegen habe ich aber auch immer mit Künstlern gearbeitet, die viel Präsenz haben, weil der Platz einfach so stark ist. Man muss mit einer gewissen Stärke umgehen können. Für Leute, die sich total meditativ im Atelier mit ihrer Arbeit beschäftigen, ist der Ort wahrscheinlich nicht der geeignetste. Aber so richtige Bildhauer, die Dreck machen und laut sind, die fühlen sich hier alle sehr wohl.“


Kuratorin Maria Wildeis in der Tiefgarage, Foto: Dora Cohnen

Maria Wildeis gründete vor drei Jahren die Galerie „Tiefgarage“ am Ebertplatz, um eine „Lücke“ zu füllen – in einem künstlerischen Sinne. Sie lädt Künstler und Künstlerinnen ein, die sich direkt mit dem Raum auseinandersetzen und für eine Dauer von ungefähr sechs Wochen Installationen ausstellen, oft begleitet von Performances und experimentellen Noise-Konzerten. Dabei ist nicht nur die Ausstrahlung der Brutalismuskonstruktion von Wert, der Raum an sich ist besonders und stellt für die Künstler eine besondere Anregung dar: „Die gigantische sechseckige Säule im Raum ist sehr dominant und ein spannendes Thema für alle, die hier mitmachen“, sagt Wildeis. „Entweder geht man auf die ein oder man ignoriert sie richtig, richtig exzessiv. Der Hinterraum hat so ein besonderes Dreieck und auch diese Scheibe, die nach draußen geht, ist interessant. Mit der Tiefgarage hat man das Gefühl, man sei in einem Aquarium in einem ganz, ganz anderen Ort. Dann ist der Boden grün gestrichen und dann leuchtet alles in Neonfarben, und dann guckst du raus und alles ist grau.“

Doch trotz allem sind die Konflikte am Ebertplatz real und nicht zu ignorieren: „Seitdem ich hier bin, habe ich viel über Stadtplanung gelernt. Und diesen Dialog mit den Obdachlosen, den habe ich vorher nie gehabt! Wie ist ein öffentlicher Platz eigentlich strukturiert? Was hat man da für Möglichkeiten? Da beneide ich die Stadt auch nicht drum, das ist voll komplex“, so Wildeis.

Dennoch ist der Name der „Tiefgarage“ politisch: „2011 brachte die FDP den Vorschlag, den ganzen Ort in eine Tiefgarage zu verwandeln. Als ich 2015 zum Platz gekommen bin, wurde das immer noch sehr heftig diskutiert. Das fand ich absurd. Wie große Städte mit Raum umgehen, das ist so nicht-aktuell. Der Ebertplatz kam aus den Fünfzigern, Sechzigern wo die Leute dachten, wir haben unendlich viel Strom, unendlich viele Autos. Wie kriegt dieses Auto dieses tolle Fahrgefühl quer durch die Stadt. Und heute geht es immer noch um das Thema: Wie kriegt dieses Auto so eine Sonderstellung?“

Wenn Maria Wildeis die Zukunft des Ebertplatzes gestalten könnte, würde sie darauf eine Kunsthalle implementieren: „Köln braucht einfach einen Platz für zeitgenössische Kunst. Wer auch immer das macht, aber irgendjemand muss den Ort hier weiter bespielen.“

Derzeit wird in der „Tiefgarage“ „Unfolding Structures. Great Tree Of Mother’s Hair“ von Brigitte Dams ausgestellt. Wie der Banyan, eine Baumart, deren Wurzeln von der Baumkrone in die Erde herabwachsen und sich immer mehr verdichten, lässt sie aus gewebten Fahrradschläuchen einen kleinen Dschungel entstehen. Dazwischen stehen kleine Bänke, sodass der Besucher der Ausstellung direkt teilhaben kann. Die Künstlerin beschäftigt sich mit Industriematerialien, die nicht einfach als schön anerkannt werden. Fast so wie der Beton am Ebertplatz. Statt wie eine klassische Bronzeskulptur ihre Anerkennung durch das Material zu erhalten, werden Dams Installationen durch Verwebungen und Verdichtungen ästhetisch interessant. Die Beziehungen zwischen den Knotenpunkten der Flechtungen lassen nicht nur einen Wald im weiten Sinne, sondern auch eine urbane Struktur im Nahen entstehen.

Gegenüber von der Tiefgarage liegt das Bruch und Dallas, ebenfalls ein unabhängiger Ausstellungsraum für zeitgenössische Kunst. Seit 2009 werden hier aktuelle künstlerische Positionen gezeigt, die sich vor allem an eine junge Kunstszene richtet. Im November stellt Christiane Rasch dort aus. Die auf den ersten Blick überschaubare Leere des weißen Raumes füllt sie mit einer Hecke. Diese erkennt man erst, wenn man einmal um eine tiefe, nach außen gerichtete Wand herumgeht. Ein alltäglicher Gegenstand, der einfach wirkt, doch viel verbirgt. Rasch zeigt nicht nur in der aktuellen Ausstellung „une promenade“ gerne Verborgenes und Offensichtliches, in ihrer Arbeit spiegeln sich im Allgemeinen Gegensätze wieder. Mystisch wie der spießige deutsche Gartenzwerg hinter verschlossenen Gartenpforten, geht es Rasch um Künstliches und Natürliches, Inneres und Äußeres, und das untersucht sie meist anhand von Fundstücken.

Eine weitere Ausstellung findet man in „Gold und Beton“: eine Art begehbares Instrument, bestehend aus Geräten von Werkstätten, Baustellen und Gärten, die im Alltag nur Lärm erzeugen. Daneben ein Fernseher mit filmischen Dokumenten von dessen Benutzung. „Noise du Chocolat“ heißt das Ganze, ein Krachkonzert-Projekt von Paul Faltz, Alexander Pascal Forré und Tim Gorinski. Mit dem zum Beispiel aus Mülltonnen und Kehrschaufel zusammengesetzten Schlagzeug versuchen die drei Künstler einen erweiterten Musikbegriff zu finden, ganz nach John Cage, der in seinem Stück 4’33” jeden gespielten Ton wegließ, um sich der Frage zu widmen, was Stille in der Musik bedeute. Musik dort hören zu können, wo sie sonst fehlt, ist das Ziel der Performances. Der Projektraum bietet seit 2013 jungen Künstlern und Künstlerinnen vor allem aus dem Hochschulkontext einen Ort für Identitätsfindung, Kollaboration und oftmals die erste professionelle Ausstellungserfahrung.

Das Labor stellt ebenfalls seit 2013 eine unabhängige Plattform für intermediäre Ausstellungsprojekte in den Ebertplatzpassagen dar. Die Gruppe von Künstlern und Galeristen, die das Labor leiten, möchten den als „Unort“ deklarierten Platz in einen visionären „Denkort“ transformieren durch den experimentellen Charakter der Ausstellungen, in denen verschiedene Ausdrucksformen in einen Dialog treten – wie zum Beispiel Malerei mit Inszenierungen, Fotografie mit Lesungen oder Konzerten. Momentan wird eine Auswahl an Arbeiten von Natascha Borowsky ausgestellt. Sie setzte sich mit traditionellen indischen handgewebten Stoffen aus Naturfasern auseinander, die den Namen „Khadi“ tragen – so auch der Titel der Ausstellung. Das Bildhafte in ihrer individuellen Eigenart – jeder Stoff ist ein Unikat – hält sie in einer fotografischen Serie fest. Ein Essay des Schriftstellers Norbert Hummelt und ein Gedicht des nordindischen Mystikers, Dichters und Webers Kabir aus dem 15. Jahrhundert ergänzen die Fotos in dem Buch, das sie parallel zur Ausstellungseröffnung veröffentlicht.

Dazu war Natascha Borowsky anwesend: „Ich besuche gerne das Labor, deswegen habe ich mich gefreut, als mich die Künstler letztes Jahr eingeladen haben. Ich denke, es ist gerade wichtig für die Räume und die Leute, deren Alltag das hier ist, ganz normal weiterzumachen und zeigen, wie lebendig er ist.“

Während der Museumsnacht gab es noch einige besondere Performances, darunter eine „Solidarity Performance“ des Aktionslabors PAErsche. Weitere Veranstaltungen zusätzlich zum normalen Galeriebetrieb sollen folgen.

Tiefgarage | Fr-Sa 16-19 Uhr | tiefgarage.org
Bruch & Dallas | Fr-Sa 16-19 Uhr | www.bruchunddallas.de
Gold + Beton | Fr-Sa 16-19 Uhr  | goldundbeton.de
Labor | Fr-Sa 17-19 Uhr | www.labor-ebertplatz.de
Online-Petition „Abschaffung des Kunststandortes Ebertplatz stoppen!“ | openPetition

Dora Cohnen

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