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Glücklich wie Lazzaro

Die Möglichkeit des Guten

10. September 2018

Die Filmstarts der Woche

Gekleidet sind die Landarbeiter auf Inviolata, dem Landgut der Marquesa Alfonsina de Luna, wie aus dem vorletzten Jahrhundert, und auch ihre ärmliche Behausung, wo Männer, Frauen und Kinder ohne jeden Komfort zusammengepfercht leben, ist kaum datierbar. Aber es gibt einen Laster und ein Mofa. Der schüchterne Lazzaro ist in dieser Gemeinschaft ein Außenseiter. So gutmütig und naiv, dass die anderen ihn für dumm halten und meist ausnutzen. Lazzaro macht das nichts aus und verrichtet tagein tagaus seine Arbeit. Eines Tages kommt Tancredi, der Sohn der Marquesa, auf das Anwesen. Der kommt aus der Stadt, ist modisch und modern und kennt die Welt. Und er will gegen seine Mutter rebellieren. Lazzaro ist fasziniert von dem weltgewandten Tancredi, und Tancredi ist fasziniert von Lazzaros schlichter Gutmütigkeit. Vor vier Jahren ließ die italienische Regisseurin Alice Rohrwacher mit ihrem Film „Land der Wunder“ aufhorchen. Schon hier prallten ganz unterschiedliche Welten auf eine irritierend märchenhafte Weise aufeinander.  Mit „Glücklich wie Lazzaro“ (Odeon, OmU in der Filmpalette) geht Rohrwacher einen Schritt weiter und verlässt immer mehr den realistischen Boden, auf dem ihr Film am Anfang steht. Die Wechsel zwischen einem beinahe dokumentarischen Tonfall, zwischen Komödie und Tragödie, zwischen Märchen und Legende vollziehen sich ganz geschmeidig und kaum wahrnehmbar. Ihr Drama ist ein Rückgriff auf wesentliche Merkmale der Filme des italienischen Regisseurs Pier Paolo Pasolini, erklärtes Vorbild von Rohrwacher: Sogar die Orte in erinnern an Pasolinis Filme: die kargen Landschaften und auch die Peripherie der Städte. Mttendrin: Lazzaro, der nie an sich denkt und nie an seinen Vorteil. Rohrwacher erinnert mit ihrem Film an die Möglichkeit des Guten und entwirft eine Utopie.

Nein, die Oper ist noch immer nicht völlig verblödet – dafür gibt es ja inzwischen Musicals. 1928 indes will Berthold Brecht mit seiner „Dreigroschenoper“ der drohenden Verblödung der Oper entgegenwirken. Und er arbeitet einer Verfilmung entgegen, die jedoch scheitert an der Feigheit des Produzenten, an der Zensur, am Faschismus und an der Justiz. Joachim Lang erzählt in „Mackie Messer – Brechts Dreigroschenfilm“ (Cinenova, Lichtspiele Kalk, Odeon, Residenz, Weisshaus) von dem Weg zur Nichtverfilmung und vermengt dafür Brechts historischen Kampf für die Kunst mit Szenen einer möglichen Adaption in Brechts Sinne. Aus heutiger Sicht gestalten sich Letztere eher angepasst als provokant. Doch bildet dieses Drama insgesamt ein hochaktuelles und spiel- und inszenierfreudiges Leinwandspektakel über Brechts Seele, seinen Blick auf die Welt und auf die Kunst.

Rike (grandios: Susanne Wolff!) ist alleine mit ihrem Einmaster vor der afrikanischen Küste unterwegs, als sie auf ein sinkendes Boot voller Flüchtlinge trifft und in Gewissenskonflikte gerät. Wolfgang Fischers („Was du nicht siehst“) neuer Film ist geradezu am Puls der Zeit entstanden. Bei seinem Flüchtlingsdrama geht es nicht um Statistiken und namenlose Massen, bei „Styx“ (Filmpalette, Odeon) wird das Problem auf engstem und privatestem Raum angesiedelt und somit auf die menschlichste Ebene heruntergebrochen. In fast schon dokumentarischen Bildern werden zunächst die Segelroutinen an Bord geschildert, wodurch das Geschehen danach auch überaus authentisch wirkt. Ein Film, der verstört und erschüttert und dennoch auch einen kleinen Funken Hoffnung sät.

Außerdem neu in den Kinos: Debra Graniks überzeugendes Außenseiterdrama „Leave No Trace“ (Cinedom, Cineplex, UCI), Nanouk Leopolds bewegende Jugendstudie „Cobain“ (Filmpalette), Volker Koepps Doku „Seestück“ (Filmpalette) und Bill Holdermans bemühte Ü60-Komödie „Book Club - Das Beste kommt noch“ (Cinedom, Cineplex, Residenz, Rex am Ring, UCI, OmU im Metropolis). Dazu starten Peter Bergs brachialer, aber spannungsloser Actioner „Mile 22“ (Cinedom, Cineplex, Rex am Ring, UCI), Shane Blacks mit bösen bösen Aliens garnierter Kleinstadt-Krawall „Predator: Upgrade“ (Cinedom, Cineplex, UCI), Josh und Jonathan Bakers ähnlich gelasgertes Sci-Fi-Abenteuer „Kin“ und, als Kontrastprogramm für die Kleinen, Ali Samadi Ahadis „Pettersson und Findus: Findus zieht um“ (Cinedom, Cinenova, Cineplex, Metropolis, Rex am Ring, Weisshaus, UCI).

Redaktion choices.de

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