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„Allee der Kosmonauten“ von Sasha Waltz & Guests
Foto: Sebastian Bolesch

Der Staubsauger flippt aus

25. Januar 2018

Sasha Waltz zeigte ihr Meisterstück „Allee der Kosmonauten“ in Köln – Tanz in NRW 02/18

Das Sofa hat auf der Rückseite ein großes Loch mit roten Wundrändern. Ganz so, als habe jemand mit einer Schrotflinte hinein geschossen und eine Verwundung verursacht. Möbel scheinen in Sasha Waltz‘ Produktion „Allee der Kosmonauten“ ein eigenes Leben zu besitzen. Auch die Beine des Couchtischs, hinter dem sich die sechsköpfige Familie (Juan Kruz Diaz de Garaio Esnaola, Nicola Mascia, Zaratiana Randrianantenaina, Yael Schnell, Joel Suárez Gómez und Takako Suzuki) lümmelt, bestehen aus zwei Frauen- und zwei Männerbeinen. Der Staubsauger flippt aus und rast plötzlich durch die Lüfte. Das Personal zeigt sich hingegen apathisch oder seltsam ferngesteuert. Entweder schläft man mit offenem Mund vor der Glotze ein oder bewegt sich gleich Puppen, denen noch die letzte Geschmeidigkeit der Koordination fehlt. Es sind die Zwischentöne, die jenem Milieu abgehen, das hier im Biotop der Plattenbausiedlung vorgeführt wird.

Zwar gibt es jede Menge Situationskomik in dieser Inszenierung, die vor 20 Jahren so etwas wie das Meisterstück im Werk von Sasha Waltz darstellte, aber die Figuren selbst verfügen keinesfalls über die Fähigkeit zum humorvollen Miteinander. Da wird das Kind schon einmal an die Wand genagelt oder man schlägt und knufft sich gegenseitig. Was fehlt, ist die Seele, oder ihr Ableger, die Empathie, und eine Vorstellung davon, dass dieser andere auch Gefühle besitzen könnte. Vielmehr scheint man regiert von den Geboten des Konsums. Eine Tatsache, an der sich bis heute nichts geändert hat. Deshalb besitzt die Wiederaufnahme der „Allee der Kosmonauten“, mit der Sasha Waltz & Guests jetzt im Depot des Schauspiel Köln gastierten, auch noch mächtig Relevanz. Eine Ironie, die der Titel schon andeutet im Spannungsverhältnis zwischen Couchpotato und der Hybris der Weltraumeroberung.

Beeindruckend ist die Virtuosität und die überbordende choreografische Fantasie, mit der die Berliner den Stillstand des Gemüts zeigen. Hier wird enorm viel tänzerisches Material entwickelt, wenn Waltz den Dialog zwischen Menschen und gegenständlicher Welt in Gang setzt. Viele sprechende Gesten und erzählende Passagen weisen auf Pina Bausch, das große Vorbild, hin.

Die Jahre sieht man der Produktion allerdings auch an. Da sind zum einen die Bildzitate von Balthus, Mädchen mit hochgeschlagenen Röcken, die sich dem Publikum zeigen, als ob sie sich dem Licht der Sonne öffneten, besitzen heute Skandalpotenzial. Da war unsere Gesellschaft vor zwei Jahrzehnten mit stabilerem Selbstbewusstsein ausgestattet. Andererseits haftet dem Gestus, mit dem das Siedlungs-Milieu in seiner komischen bis abgründigen Beschränktheit ausgefaltet wird, etwas Gestriges an. Da gibt es keine neuen Geheimnisse zu lüften mit dem Blick auf den Sozialzoo. Freilich ist die Präzision und Kreativität, mit der Waltz Gesellschaftskritik betreibt, ziemlich einzigartig in der Welt des Tanzes, die sich an solche Milieustudien nur sehr selten herantraut.

Thomas Linden

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