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Regisseur Andreas Maus im Filmforum

Institutionalisierter Rassismus

26. Februar 2016

„Der Kuaför aus der Keupstraße“ im Filmforum – Foyer 02/16

Donnerstag, 25. Februar: Die Keupstraße in Köln-Mülheim erlangte im Jahr 2004 traurige bundesweite Bekanntheit, als vor dem Friseursalon eines türkischstämmigen Kuaförs eine Nagelbombe explodierte und zahlreiche Menschen schwer verletzte. Tiefer noch als die physischen Wunden gehen bei den Betroffenen allerdings die psychischen, da die Polizei in ihren Ermittlungen sieben Jahre lang die Opfer zu Tätern machte. Erst das Bekenntnis der rechtsextremen Terrorzelle NSU brachte die Wahrheit ans Licht. Andreas Maus hat in seinem Dokumentarfilm „Der Kuaför aus der Keupstraße“ Betroffene interviewt, lässt von Schauspielern Original-Vernehmungsprotokolle zitieren und zeigt seinen Zuschauern durch Interviews, dass die Verantwortlichen bei der Polizei ihre Fehler noch immer nicht eingesehen haben.

Anwalt Mehmet Gürcan Daimagüler, der im NSU-Prozess die Hinterbliebenen anderer NSU-Anschläge in einer Nebenklage vertritt, sieht darin keine Aneinanderreihung von Pleiten, Pech und Pannen, sondern eine Systematik in der Ermittlungsarbeit, die er als „institutionalisierten Rassismus“ bezeichnet.

Mitat Özdemir und Peter Bach von der Initiative "Keupstraße ist überall"

Daimagüler war einer der Podiumsgäste beim Filmgespräch nach der Präsentation von „Der Kuaför aus der Keupstraße“ zum Kinostart im Filmforum. Und obwohl die Dokumentation bereits Ende Januar ihre große Köln-Premiere im Schauspielhaus gefeiert hatte, war auch diese Sonderveranstaltung im Filmforum sehr gut besucht und führte zu einer lebhaften Diskussion. Gemeinsam mit der „Initiative Keupstraße ist überall“ präsentierten Maus und seine Produzenten Christine Kiauk und Herbert Schwering den Film, der auf seiner Premierentour auch in allen anderen Städten mit Diskussionen begleitet wird, in denen die NSU Anschläge verübt hat. Mitat Özdemir von der Initiative erläuterte, dass die Deutschen und Türken vor Ort nun näher zusammengerückt seien, dass Nachbarn mithelfen wollten, Probleme zu lösen. Dennoch sitzt die Verstörung und Unsicherheit bei den Betroffenen nach wie vor tief. Andreas Maus hierzu: „Die Erwartungen der Opfer an Aufklärung und Entschuldigungen wurden nicht erfüllt.“ Deswegen musste sich der Regisseur die Bereitschaft zur Mitwirkung der Beteiligten an seinem Film auch hart erarbeiten, weil diese zunächst nicht erkannten, was er mit seinem Film überhaupt noch erreichen wolle. Özcan Yıldırım, der Besitzer des Frisiersalons, sagte bei der Diskussion im Filmforum: „Der Film kann dazu beitragen, dass uns und unseren Kindern so etwas nicht noch einmal passiert. Das Ganze ist aber noch nicht ausgestanden, noch nicht zu Ende, weil der Prozess noch weiterläuft und die Schuldigen ihre gerechte Strafe noch nicht bekommen haben.“

Ali Kemal Gün und Mehmet Gürcan Daimagüler beim Publikumsgespräch

Anwalt Daimagüler bezweifelt, dass Wahrheit und Gerechtigkeit am Ende des NSU-Prozesses stehen werden: „Man kann nur versuchen, dem so nahe wie möglich zu kommen.“ Sein Kollege Stephan Kuhn, ebenfalls Anwalt der Nebenklage, unterstreicht, dass durch die Verweigerung des Gerichts, Zeugenaussagen wie die von Özcan Yıldırım in der Verhandlung zuzulassen, wichtige Aspekte unter den Tisch fallen würden, die das betreffen, was der Anschlag bei den Opfern im Laufe der Jahre ausgelöst habe. Mit dem kollektiven Verdächtigtwerden der Migranten wäre letzten Endes ein Wirkungsmechanismus des Terrorismus in Erfüllung gegangen. Die Gesprächsrunde im Filmforum wurde durch den Psychotherapeuten Ali Kemal Gün komplettiert, der schon die Hinterbliebenen der Anschläge in Solingen Anfang der 90er Jahre betreut hatte. Gün fand es, im Gegensatz zu Daimagüler richtig und wichtig, dass „Der Kuaför aus der Keupstraße“ in erster Linie von Bio-Deutschen, also von Deutschen ohne Migrationshintergrund realisiert wurde. „Es ist gut, dass Bio-Deutsche solch einen Film machen, weil er ein deutsches Problem behandelt.“ Nun ginge es darum, Vertrauen neu zu gewinnen und die Angst zu überwinden, da alle türkischstämmigen Deutschen durch die Anschläge und die anschließenden falschen Verdächtigungen sekundär traumatisiert seien. 

Text/Fotos: Frank Brenner

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