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Nicola Gründel
Foto: Tommy Hetzel

Der dunkle Schatten des Doms

08. Dezember 2021

Nicola Gründel spielt in Oliver Frljiićs Produktion über den Dombau – Premiere 12/21

Die Schauspielerin Nicola Gründel, engagiert am Schauspiel Köln, ist auf faszinierende Weise mehrfach begabt. Sie hat zehn Jahre getanzt, ist Konzertpianistin und hat am Mozarteum in Salzburg Schauspiel studiert. Jetzt spielt sie in der neuen Produktion von Oliver Frljiić „Das Himmelreich wollen wir schon selbst finden“ über den Bau des Kölner Doms. Ein Gespräch über die Einsamkeit von Pianistinnen, surreale Geschichtsbilder und die Musikalität von Frljii

choices: Frau Gründel, Sie haben ein Konzertexamen im Fach Klavier und sind ausgebildete Schauspielerin. Sie sind mit 15 Jahren zum Studium nach Paris gegangen? Gehörten Sie zu den musikalisch Hochbegabten?

Nicola Gründel: Ich bin nur einmal die Woche nach Paris gefahren, immer montags. In Paris habe ich das Conservatoire National de Region de Paris besucht, das sich speziell an Jugendliche am Übergang zum Studium richtet. Mein Klavierstudium habe ich dann nach dem Abitur in Salzburg absolviert. Das Ziel war die Konzertreife, ich wollte Konzertpianistin werden. Darauf habe ich hingearbeitet, bis ich gemerkt habe, dass das nicht das Richtige für mich ist.

Wie ist die Entscheidung gegen die Musik und für das Schauspiel gefallen?

Man verbringt als Pianistin sehr viel Zeit mit sich und dem Instrument. Das war mir zu einsam auf die Dauer. Die Entscheidung fürs Schauspiel ist eher durch einen Zufall gefallen. Ein Freund hat mich ins Theater eingeladen. Ich habe dann ein unglaublich tolles russisches Stück gesehen und war völlig fasziniert, so dass ich immer wieder hingegangen bin. Mit der Zeit bin ich mit Theaterleuten ins Gespräch gekommen. Schließlich war mir klar: Genau das will ich.

Dennoch waren Sie seit 2012 bei den Wittener Tagen für neue Kammermusik und beim ECLAT Festival in Stuttgart dabei.

Ich bin bei den Festivals nicht als Pianistin aufgetreten, sondern als Darstellerin. Nach wie vor habe ich großes Interesse an Neuer Musik und auch an der Schnittstelle zwischen Musik, Tanz und Schauspiel. Im Theater mache ich allerdings sehr selten Musik, ich spiele ab und zu, wenn die Zeit es zulässt, zuhause. Das ist auch eine Brücke zu Oliver Frljii, dem Regisseur von „Das Himmelreich wollen wir schon selbst finden“. Er hat mich in seiner letzten Inszenierung hier am Schauspiel Köln, Kleists „Die Hermannschlacht“, auch als Pianistin eingesetzt. Das war das erste Mal seit langem, dass ich ein Werk der klassischen Musik vor Publikum gespielt habe. Das war toll, es hat Spaß gemacht.

Werden Sie auch in der neuen Inszenierung von Frljiić Musik machen? Es geht dabei um den Bau des Kölner Doms, um Kirche und Religion – da würde Musik naheliegen.

Im Moment sieht es nicht so aus. Der Musiker Daniel Regenberg ist mit dabei und es kommt vor allem elektronische Musik zum Einsatz.

„Wir suchen die surrealen Bildern des Dombaus“

Im Zentrum steht der Dom als Bauwerk?

Anhand des Dombaus wird Geschichte neu erzählt. Historische Figuren verschiedener Zeiten treffen aufeinander, also Meister Gerhard trifft zum Beispiel Maria und die Heiligen Drei Könige. Zwischendurch gibt es Exkurse, in denen Fakten und Infos zum Bau des Doms erzählt werden. Oliver Frljii geht es allerdings nicht um eine Nacherzählung von Geschichte. Er suchtnach dendunklen, surrealen Märchen, nach den Lücken in der Geschichte. Was ist beispielsweise in den dreihundert Jahren passiert, als der Dombau brachlag. Was kann man dazu finden, vielleicht auch erfinden? Oliver Frljiić schreibt zwar den Text, will aber eigentlich weg vom Logozentrismus des Wortes. Er ist eher auf der Suche nach Bildern, vor allem nach surrealen Bildern.

Gibt es bestimmte Epochen, die im Stück ausführlicher vorkommen?

Also so grob gibt es schon Themenblöcke. Aber das verändert sich im Probenprozess selbstverständlich. Da geht es zum Beispiel um die Heiligen Drei Könige und wie ihre Gebeine als Reliquien angeblich in den Dom kamen. Wir haben außerdem die Pest, die Reformation, es geht um Napoleon und die Befreiungskriege und später die Phase der Fertigstellung des Dombaus Mitte des 19. Jahrhunderts.

Bekommen Sie von Frljii Rechercheaufträge oder wie gehen Sie vor?

Das Stück entsteht auf den Proben. Inzwischen haben wir drei Szenen erarbeitet, die von Oliver Frljiić geschrieben, dann geprobt und dann wieder umgeschrieben wurden. So tasten wir uns Stück für Stück voran. Unsere Dramaturgin Sarah Lorenz hat eine unfassbar detaillierte Materialmappe zusammengestellt. Was sich jeder daraus aneignet, läuft ziemlich individuell. Oliver Frljii fokussiert dann dieses Material auf bestimmte Themen. Wir forschen dann weiter, welche Bilder uns dazu einfallen, wo man Anknüpfungspunkte für sich findet.

Was fasziniert Sie an der Geschichte des Dombaus?

Ich bin immer völlig fassungslos über die Brutalität von Menschen, dass es immer wieder um Kriege und Macht, um Eroberung und Besitz geht. Mich interessiert außerdem daran, wie Menschen manipuliert werden. Denken Sie an die Gebeine der Heiligen Drei Könige, die als Reliquien nach Köln kamen und von denen niemand weiß, was sich genau dahinter verbirgt, von wem die Knochen eigentlich stammen. Diese Produktion von Legenden und Mythen finde ich sehr spannend. Das reicht dann bis in den Glauben, der über Jahrhunderte vielen Menschen als Halt und Quelle der Hoffnung gedient hat. Rituale interessieren mich auch sehr und das ist ja auch sehr präsent in der Kirche.

„Ich habe eher ein ästhetisches Interesse an Kirchen“

Sind Sie gläubig?

Nicht im Sinne einer Religion oder einer Kirche. Ich liebe die Musik von Johann Sebastian Bach, beispielweise „Das Wohltemperierte Klavier“, sie hat für mich etwas Spirituelles oder auch Religiöses. Ich finde auch, dass Kirchen besondere Orte sind. Aber ich habe auch immer ein gespaltenes Gefühl, wenn ich in einer Kirche bin. Es ist nicht der Ort, wo ich zur Ruhe komme. Ich habe eher ein ästhetisches Interesse an Kirchen.

Ist Frljii eigentlich ein musikalischer Regisseur?

In der Zusammenarbeit mit Oliver spielt der Rhythmus eine extrem wichtige Rolle. Er choreografiert sehr viel bis ins Detail, besonders Auftritte von Gruppen. Er baut die Szenen sehr musikalisch auf, mit genau festgelegten Tempowechseln. Es geht dabei weniger um Psychologie, sondern eher um Rhythmus als ästhetische Form, die letztlich einen Inhalt schärft.

Das Himmelreich wollen wir schon selbst finden | R: Oliver Frljiić | 17.12. | Schauspiel Köln | 0221 22 12 84 00

Interview: Hans-Christoph Zimmermann

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