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Charlotte Sprenger
Foto: Markus Bachmann

„Das Leben ist einfach nicht so!“

04. August 2021

Charlotte Sprenger inszeniert „Der Zauberberg“ – Premiere 08/21

Thomas Mann veröffentlichte 1924 seinen Roman „Der Zauberberg“. Sein Held Hans Castorp macht einen Besuch im Lungensanatorium in Davos und bleibt dort sieben Jahre, bis er schließlich 1918 in den Krieg zieht. Der Roman ist ein Abgesang auf das bürgerliche Leben der Vorkriegszeit, ihre Ideen, ihre Erschöpfung, ihre Krise. Regisseurin Charlotte Sprenger bringt den Roman im Theater der Keller auf die Bühne.

choices: Frau Sprenger, Thomas Mann hat seinen Roman „Der Zauberberg“ einen „Zeitroman“ genannt. Wo sehen Sie Parallelen zu heute – mal abgesehen von der Nähe zwischen Tuberkulose und Corona?

Charlotte Sprenger: Die Parallele mit den Lungenkranken im Kurort Davos und die Corona-Erkrankten schreit einen natürlich regelrecht an. Ich sehe darin aber gar keine Parallele und bei uns spielt das auch kaum eine Rolle. Ich bin kein Fan von solchen historischen Vergleichen. Selbstverständlich wiederholen sich Dinge, aber sie kehren nie eins zu eins wieder. Thomas Mann hat die Krankheit in seinem Roman sowieso eher als Metapher gemeint. Bei ihm hat das Geschehen in Davos zudem etwas Satirisches. Man könnte daraus auch eine Woody-Allen-Komödie machen. Ich hatte aber keine Lust, mich über kranke Leute lustig zu machen.

Wo sehen Sie Dinge, die sich wiederholen?

Etwas, das sich wiederholt, ist das starke Gefühl einer Krise. Ich finde, dass der „Zauberberg“ eine große Krise der Gesellschaft und der Menschheit beschreibt – und der eben auch schon das drohende Unheil des 1. Weltkriegs vorhersagt, auch wenn Thomas Mann den Roman erst 1924, also rückblickend geschrieben hat. Der ganze Roman lässt sich als Vorgeschichte des Kriegs lesen. Was ich am „Zauberberg“ außerdem mag, ist Thomas Manns Kritik an seiner eigenen, der bourgeoisen Schicht, in der trotzdem die Liebe zu diesem bürgerlichen Habitus spürbar bleibt. Ich würde mich zwar in meiner Sicht auf die Welt nicht als bürgerlich beschrieben, aber in meiner Art zu leben und aufgrund meiner Herkunft schon. Meine Arbeit macht mir Spaß, ich verdiene mein eigenes Geld, lebe relativ sorgenfrei – bin also irgendwie ein funktionierender Teil dieser Gesellschaft. Und ich weiß doch zugleich, dass es so nicht weitergehen kann. Die Klimakrise ist sicherlich im letzten Jahr deutlicher ins bürgerliche Bewusstsein gerückt, zusammen mit der Verletzlichkeit, die die Pandemie uns vor Augen geführt hat. Und dann habe ich Angst vor der AfD und dem Rechtsterrorismus. Dieses Krisenbewusstsein lässt sich auch im Roman finden.

Der Ingenieur Hans Castorp lässt sich von der abgehobene Welt des Lungensanatoriums in Davos beeindrucken und bleibt sieben Jahre. Was ist das für ein Mensch?

Hans Castorp, das ist total wichtig an dem Buch, das könnte jeder Mensch sein. Er ist von Beruf Ingenieur, will diesen Beruf aber nicht ausüben. Nichtsdestotrotz bekommt er manchmal diesen Eroberungsgeist. Aber das spielt eher für die Einordnung der Figur eine Rolle, nicht so sehr für die Interpretation des Romans auf der Bühne.

Was unterscheidet die Welt auf dem „Zauberberg“ vom „Flachland“, wie Thomas Mann das nennt?

Also ist es für mich schon so eine Art dirty Schlaraffenland, eine Art Paradies, in der alle alles haben und es allen gut geht. Es gibt freie Liebe, Unterhaltung, Essen, die Machtstrukturen erscheinen schwach. Die Ärzte, bei uns ist es eine Ärztin, sind erstmal liebenswürdig. Wenn Hans Castorp sich entscheidet, dort zu bleiben, empfindet er das als Freiheit, weil er nicht mehr sein normales Leben leben muss. Diese Freiheit könnte man aber auch ganz einfach als eine Vermeidung von realen Problemen beschreiben. Es gibt solche Orte wie diesen Zauberberg nicht, und wenn es sie gibt, sind sie nicht echt. Das Leben ist einfach nicht so.

Schon aufgrund seines Umfangs ist der Roman kaum auf die Bühne zu bringen. Welche Aspekte, welche Kapitel sind Ihnen besonders wichtig?

Also wir haben versucht, unsere Fassung sehr stark zu fokussieren. Ich finde es bei Romanadaptionen zwingend, dass man gar nicht erst versucht, den Plot nachzuerzählen, sondern eher eine Übersetzung für das Lesegefühl findet. Wir haben den Schluss des Romans, also die Beschreibung des im Krieg gefallenen Hans Castorp, an den Anfang gesetzt. Der Gedanke ist, dass der Tod den Rahmen für den ganzen Abend setzt. Dass der Abend also wie so eine Art Abhandlung darüber sein soll, warum man eigentlich sterben will. Es geht dabei nicht nur um Suizid, sondern um sehr verschiedene Formen des Sterbens. Vor dem Hintergrund der Corona-Toten oder der ertrunkenen Flüchtlinge haben wir während der Proben viel über den „Wert“ eines Menschenlebens und auch unseres eigenen Lebens nachgedacht. Letztlich haben wir überhaupt keinen Bezug mehr zum Sterben und zum Tod. Und das findet sich auch im Roman von Thomas Mann wieder. Hans Castorp hat schon eine beängstigende Gleichgültigkeit seinem eigenen und dem Leben anderer gegenüber. Am Anfang ist er noch total aufgeregt und neugierig, passt sich dann aber immer mehr dem Leben im Sanatorium an.

Wie stark haben Sie in die Struktur des Romans eingegriffen?

Wir haben stark eingegriffen. Schon dadurch, dass wir das Kriegskapitel vom Schluss an den Anfang gestellt haben. Dann gibt es neben Hans Castorp nur noch zwei Figuren, die für ihn wichtig sind. Das ist einmal Clawdia Chauchat. Sie erinnert Hans Castorp an seine große Jugendliebe, von der er einmal träumt. Daraus haben wir eine neue Figur geformt, die sich im Sanatorium aufhält, aber viel vitaler als die anderen ist und sozusagen das Leben repräsentiert. Madame Chauchat dagegen steht für das Leben in den Tod hinein. Dadurch erzählen wir den Roman auch wie ein klassisches Liebesdreieck.

Und was ist mit Figuren wie der aufgeklärte Humanist und Literat Settembrini oder der kommunistische Ideologe Naphta?

Die sind gestrichen. Neben den drei Hauptfiguren gibt es noch die Arztfigur, die bei uns von einer Frau gespielt wird, und den Unternehmer Pieter Peeperkorn. Diese Veränderungen und Streichungen haben erstmal nichts damit zu tun, dass ich super revolutionär sein will,sondernich versuche letztlich immer Situationen zu schaffen, die theatral sind.

Der Zauberberg | R: Charlotte Sprenger | 28.8.(P), 15. - 17.9. je 20 Uhr, 29.8. 18 Uhr | Theater der Keller in der Tanzfaktur | 0221 31 80 59 

Interview: Hans-Christoph Zimmermann

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