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Der österreichische Komponist Johannes Maria Staud
Foto: Priska Ketterer

Auf der Suche nach Freiheit und Glück

23. Februar 2017

Johannes Maria Stauds Oper „Die Antilope“ – Opernzeit 03/17

Erfolg und Spaß als Garant für menschliches Glück? So scheint es zunächst bei der Firmenparty im 13. Stock: Die Belegschaft feiert sich und das Unternehmen, doch dann stürzt sich einer der Mitarbeiter aus dem Fenster.

Alle sind in Champagnerlaune bis auf Victor, den Protagonisten der Handlung. Die Kollegen bedrängen ihn mitzufeiern, der Direktor hält eine Rede, die sich mit Neologismen wie „kreatabel“, „flexitiv“ und „innotabel“ selbst absurdum führt. Auf dem Höhepunkt der sinnentleerten Lobeshymne muss der Redner wegen Nasenbluten abbrechen. Victor führt die Ansprache in einer unverständlichen Kunstsprache zu Ende, deren Wortschatz aus verschiedensten Bezeichnungen für Antilopenarten besteht. Danach springt Victor aus dem Fenster, überlebt auf wundersame Weise und macht sich auf die Suche nach dem Glück. Auf seiner nächtlichen Wanderung durch die Stadt begegnet ihm jedoch nur Unglück: Ein junges Liebespaar durchlebt eine Krise, ein Kind sitzt alleingelassen von seiner Mutter im Café, damit sie in Ruhe ihre Massage genießen kann. Drei Ärzte auf dem Weg zum Nachtklub diagnostizieren Victor eine „afrikanische Depression“. Schließlich verschlägt es den Glückssucher in einen Zoo, wo er eine Antilope bedauert, die sich genau wie er nach einem Leben in Freiheit sehnt. Am Ende erwacht er aus seinem Tagtraum und befindet sich wieder auf der Firmenparty: Im Traum wie in der Realität bleibt Victor in seinem unerfüllten Leben gefangen, sämtliche seiner Kommunikationsversuche scheitern. Seine Sehnsucht nach menschlicher Beziehung bleibt ebenso unerfüllt wie die seiner feiernden Kollegen, die sich im Leerlauf kollektiven Spaßhabenwollens betäuben. Die Party geht weiter, als sei nichts geschehen.

Staud und sein prominenter Librettist, der Lyriker Durs Grünbein, schaffen ein Stationendrama in sechs Bildern, das sich der Stilmittel der Fabel und des absurden Theaters bedient. Der Protagonist„gerät bei seiner Reise durch die Nacht in die eigenartigsten Situationen, die sich ihm teils bedrohlich und entsetzlich, dann wiederum komisch und grotesk, stets auf der Kippe zwischen Realem und Irrealem, darstellen“, beschreibt der Komponist die Grundatmosphäre des Stücks. Stauds Musik charakterisiert ein konsequenter Stil-Pluralismus, jede der sechs Stationen des Dramas ist durch eine eigene Musiksprache gekennzeichnet:Die Angestellten stoßen zu einer beschwingten Unterhaltungsmusik in Champagnerlaune an. Dashohle Gerede des Direktors entlarven irrwitzige Intervallsprünge, während Victors Fortsetzung im Kontrast dazu durch kleine Intervalle und Glissandi gekennzeichnet ist.Sein expressiver Gesang in „Antilopensprache“ nimmt auch tierische Laute und das gesprochene Wort in sich auf, doch lässt ihn das Kauderwelsch immer wieder daran scheitern, verstanden zu werden.

Victor ist ein Flaneur in einer Gesellschaft, in der Kommunikation und zwischenmenschlicher Kontakt zunehmend verflachen. Er bleibt ein einsamer Beobachter, der unter seiner Beziehungslosigkeit leidet, ohne sie durchbrechen zu können – das macht ihn zu einem zeitgenössischen Charakter.

„Die Antilope“ | R: Dominique Mentha | 5.(P), 10., 18., 23.3. je 19.30 Uhr, 12., 26.3. je 18 Uhr | Oper Köln im Staatenhaus | 0221 22 12 84 00

Kerstin Maria Pöhler

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