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Regisseur Gaspar Noé beim Artist Talk
Frank Brenner

Mit Filmen sozialisiert

29. Oktober 2021

Artist Talks des Film Festivals Cologne im Filmpalast – Foyer 11/21

Donnerstag, 28. Oktober: Den Anfang machte bereits am Mittag ein Werkstattgespräch mit Phil Grabsky, der dann am Abend mit dem phoenix Preis 2021 für seine jüngste Dokumentation „My Childhood, My Country: 20 Years in Afghanistan“ ausgezeichnet wurde. Der direkt im Anschluss folgende Artist Talk mit dem vielseitigen deutschen Schauspieler Albrecht Schuch wurde auf unnachahmliche Weise von Regisseurin Hermine Huntgeburth moderiert, die bereits im Jahr 2010 den Fernsehfilm „Neue Vahr Süd“ mit Schuch gedreht hatte. Seitdem hat sich die Karriere des jüngeren Bruders von Karoline Schuch kometenhaft entwickelt. Als bislang einzigem Schauspieler gelang es ihm 2020, beim Deutschen Filmpreis sowohl mit dem Filmband in Gold als bester Hauptdarsteller („Systemsprenger“) als auch mit dem Filmband in Gold als bester Nebendarsteller („Berlin Alexanderplatz“) prämiert zu werden. Auch ein Deutscher Fernsehpreis, ein Grimme-Preis, der Günter-Rohrbach-Filmpreis und eine Goldene Kamera zieren mittlerweile Schuchs Wohnung, nun kam beim Film Festival Cologne auch noch der International Actors Award hinzu. Beim Talk mit Hermine Huntgeburth verriet er, dass er als European Shooting Star der Berlinale 2021 die Möglichkeit gehabt hätte, virtuell mit einigen internationalen Castingagenten ins Gespräch zu kommen. „Ich habe Lust, im englischsprachigen Raum zu arbeiten, besonders in England oder Irland“, ergänzte der Mime. Man wird sehen, welche Projekte nun in den nächsten Monaten für ihn Realität werden.


Hermine Huntgeburth interviewt Albrecht Schuch, Foto: Frank Brenner

Filmische Drogentrips

Der nächste Gesprächspartner im Filmpalast war der 1963 im argentinischen Buenos Aires geborene Gaspar Noé, der auf dem Festival den „Hollywood Reporter Award“ erhielt. Scott Roxborough, Redakteur des entsprechenden Branchenmagazins, unterhielt sich mit dem Filmemacher über dessen Werdegang. Noé berichtete, dass er mit seiner buch- und filmbegeisterten Mutter bereits mit sechs Jahren Stanley Kubricks „2001 – Odyssee im Weltraum“ gesehen habe, „der erste gute Drogentrip, den ich gehabt habe“. Wenig später nahm ihn die Mutter mit in Filmvorführungen im Goethe-Institut in Buenos Aires, wo er Fassbinder-Filme sah und damit schon vor der Pubertät wusste, was eine Lesbe ist. Auch, wenn er damals schon viele Filme sah, die eigentlich nicht jugendfrei waren, habe ihn ein Film wie „Herr der Fliegen“ von Peter Brook wesentlich mehr schockiert als Kubricks „Uhrwerk Orange“, weil die Gewalt zwischen Kindern wesentlich näher an seiner Lebensrealität war und ihn somit viel unmittelbarer betroffen habe. Schon mit seinem zweiten Langfilm „Irreversible“ erregte Noé 2002 auf dem Filmfestival von Cannes große Aufmerksamkeit, weil viele den Film bereits hassten, bevor sie ihn gesehen hatten –der Ruf des Skandalfilms war ihm vorausgeeilt. Ähnlich provokant ging es 2009 mit „Enter the Void“ weiter, einem filmischen Drogentrip, dessen „Dreharbeiten sehr anstrengend waren, weil es ein sehr visueller Film ist, und ich meinen Mitarbeitern deswegen so viel vor dem Drehen erklären musste“, erläuterte Noé in Köln. Dass Noés Lebensstil sich vor zwei Jahren radikal änderte, als er eine Hirnblutung erlitt und daraufhin den chemischen Drogen entsagte, kann man auch an seinem jüngsten Film „Vortex“ festmachen, der beim Film Festival Cologne gezeigt wurde.


Gaspar Noé im Gespräch mit Scott Roxborough, Foto: Frank Brenner

Zwischen Kunst und Kino

Die Artist Talks schlossen mit Lisa Gottos Interview mit Steve McQueen, der am Abend den Filmpreis Köln 2021 erhielt. Nachdem sich der Londoner an einer Kunstschule eingeschrieben hatte, änderte sich sein Leben radikal, als er eine Super-8-Kamera erhielt. Daraufhin zog er das Arbeiten im Team dem einsamen Bemalen einer Leinwand vor und wurde zu einem der erfolgreichsten Videokünstler seines Landes. Mit seiner Videoinstallation „Western Deep“ über die unmenschlichen Arbeitsbedingungen in einer Goldmine bei Kapstadt erntete er auf der documenta in Kassel allerdings nicht die gewünschten Publikumsreaktionen. Trotz der furchtbaren Bilder wären sie nicht schockiert gewesen, „vielleicht sind die Menschen dafür heute schon zu abgestumpft“, so McQueen. Mit „Hunger“ inszenierte er 2008 seinen ersten Spielfilm, will Kunst und Kino aber generell nicht voneinander trennen, weil es für ihn „die gleichen Dinge sind, die auf andere Weise ausgeführt werden.“ Kinogeschichte schrieb McQueen im Jahr 2014, als sein Film „12 Years a Slave“ der erste eines dunkelhäutigen Filmemachers war, der mit dem Oscar als bester Film des Jahres ausgezeichnet wurde. „Wäre Obama damals nicht US-Präsident gewesen, wäre dieser Film vermutlich nie gedreht worden. Und durch diesen Film wurden vielen ähnlichen nachfolgenden Themen dann erst die Türen geöffnet“, kommentierte der Filmemacher weiter. In jüngster Zeit hat sich McQueen auf das Fernsehen fokussiert. Für die BBC inszenierte er die aus fünf Spielfilmen bestehende Miniserie „Small Axe“ über karibische Einwanderer im London der 1970er und 80er Jahre sowie die Doku-Reihe „Uprising“, in der sich der Regisseur aus verschiedenen Perspektiven einem tragischen Wohnungsbrand im Jahr 1981 annähert, bei dem dreizehn dunkelhäutige Teenager ums Leben kamen. Beide Formate waren in den letzten Tagen ebenfalls auf dem Film Festival Cologne zu sehen.


Steve McQueen mit Lisa Gotto, Foto: Frank Brenner
Frank Brenner

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