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„Der Zorn der Wälder“
Foto: Thilo Beu

Allein ist im Wald niemand

23. Februar 2017

„Der Zorn der Wälder“ von Alexander Eisenach in Bonn – Theater am Rhein 03/17

Das Outfit stimmt, Fluppe und Nebel auch, doch für Philip Marlowe ist Manuel Zschunke ein wenig zu klein, für dessen Pendant Gordon Pritchet reicht es. Der erste Nikotin-Monolog ist lang, aber er erklärt bereits die Welt aus der Sicht des herrlichen Defätismus: „Meine Geschichte war immer nur der Spiegel einer anderen.“ Na dann kann es ja losgehen auf der leeren Bühne der Bonner Theaterwerkstatt, wo die Uraufführung von Alexander Eisenachs „Der Zorn der Wälder“ stattfinden soll. Zwei merkwürdige Kästen stehen da, ein in Zeitlupe wandernder weißer Lichtkegel ist zu sehen und ein paar volle Schwerlast-Säcke. Emma Carsons (Lara Waldow) tritt auf, sie sucht die Hilfe des besten, des unbestechlichen und doch irgendwie schmusigen Einzelgänger-Detektivs. Dialoge, Choreografie und auch alle anderen Attitüden bedienen das 1940er-Kino, nur die Handtasche ist ein wenig zu schmuddelig für die schicke Gattin des begnadeten Bestatters, der jetzt scheinbar verschwunden ist.

Regisseur Marco Štorman zelebriert die amerikanische Film-Ästhetik mit fast unbeweglicher Choreografie; erst als die Wälder betreten werden, wird es erfahrungsgemäß wild. Aber noch verstricken sich Emma und Gordon in verbalen Machtspielen und Strategiezügen. Ein Kammerspiel um das Verschwinden des Ehemanns ist im Gange, zwischen den Zeilen ist vor den Zeilen, erst mal eine frische Zigarette, ein Schluck Bourbon vielleicht. Emma hat im Schreibtisch Briefe gefunden, die nicht nur eine Liebschaft mit der Femme fatale (Johanna Falckner) belegen, sondern auch die Klassenfrage der Gesellschaft stellen. Im Hintergrund Edgar-Wallace-Musikstruktur. In der Zukunft das Utopia der Peripherie denken. Ja, so stellen sich die Wald-Frevler die Einfachheit vor. Doch das von Bestatter Henry Carson angedachte Vereinzelungsprinzip mit Selbstaufgabe – Daniel Breitfelder muss da schon einige Unterhosen fallen lassen, bevor er nackt im plastifizierten Bühnen-Morast untertauchen darf. Der letzte Diskurs beginnt mit der Gruppe, die Pritchet und seine Mandantin aufgespürt haben. Hier wird die Regie radikaler, die Geschwindigkeiten nehmen zu, aus den merkwürdigen Kästen sind nun Wege geworden, Barrieren, immer noch dienen Zigaretten als Bindeglieder zwischen den einzelnen Szenen.

Doch die radikale Waldlyrik zerbröselt auf dem Altar der zeitgenössischen Systemkritik. Der Einzelne entzieht sich der Gruppe, die das wiederum nicht dulden will. „Niemand ist frei, wenn nicht alle frei sind.“ Diese Waldguerilla ist bereit, die Waffen sind geladen. Spät zu spät erkennt Henry, der doch immer die Toten so schön herrichten konnte, den unausweichlichen Wechsel von Radikalität in Terror, denn die politischen Systeme gleichen sich im Kern fatal. Benjamin Berger als wilder, böser Psycho Hawkins macht ihm das gnadenlos klar. Der dauernde Diskurs wird selbst zum Feindbild, und Detektiv Pritchet der widerwillig die Doktrin der Staatswesen verteidigt, der wird gemeuchelt. Mist. Es hilft wohl doch nur Lotto spielen.

„Der Zorn der Wälder“ | R: Marco Štorman | Do 9.3., Mi 15.3., Fr 31.3. 20 Uhr | Theater Bonn, Werkstatt | 0228 77 80 08

PETER ORTMANN

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