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Julian Wildgruber, Holger Recktenwald, Rudolf Wötzel und Torsten Müller

Achtsamkeit lernen

05. Februar 2017

Kino-Tour: „From Business to Being“ im Odeon – Foyer 02/17

Samstag, 4. Februar: In den letzten zehn Jahren haben allein in Deutschland die psychisch bedingten Krankheits- und Ausfalltage der Arbeitnehmer einen Anstieg von 97% verzeichnet. Vor diesem Hintergrund haben die Dokumentarfilmer Julian Wildgruber und Hanna Henegin „From Business to Being“ realisiert, der sich mit den Burn-Out-Problemen unserer Zeit, aber auch mit den Möglichkeiten, diese zu umgehen und ein achtsameres Berufsleben zu führen, auseinandergesetzt. Auf seiner Kinotour zum Filmstart machte Wildgruber auch im Kölner Odeon-Kino Station, begleitet von zweien seiner Protagonisten, dem ehemaligen Top-Manager bei Lehman Brothers, Rudolf Wötzel, und einem Gebietsverantwortlichen bei dm-drogerie-markt, Torsten Müller. Natürlich war auch Holger Recktenwald vor Ort, der den Film mit seinem Kölner Verleih mindjazz pictures gerade in die Kinos brachte. Der Filmbeginn verzögerte sich aufgrund technischer Probleme mit dem DCP, über das der Film abgespielt werden sollte, was vom Kino und den Podiumsgästen aber gekonnt aufgefangen wurde, weil es für das Publikum Freigetränke gab und schon vor der Projektion über den Film und seine Thematik diskutiert werden konnte.

Wötzel, Wildgruber und Müller im Odeon

Julian Wildgruber betonte, dass die Thematik in den letzten Monaten an Relevanz deutlich gewonnen habe, weswegen er froh sei, dass sein Film erst jetzt bundesweit in die Kinos käme, und nicht bereits vor gut einem Jahr, nachdem er auf dem Münchner Dokumentarfilmfestival seine Uraufführung erlebt hatte. Die im Film propagierte Achtsamkeit, mit der es einem jeden gelingt, bewusster im Hier und Jetzt zu leben, könne mithelfen, Stresssituationen zu vermeiden und nicht in die Burn-Out-Falle zu geraten, so der Regisseur weiter. „Wenn ich mein Umfeld, die Welt und die Natur bewusster wahrnehme und mit einem vertieften Verständnis betrachte, verändert das auch etwas in mir selbst“, sagte Wildgruber. Für Torsten Müller stellt das auch eine Möglichkeit dar, das Empathieempfinden zu stärken, was er „als unglaublich wertvoll“ erachtet. Nach der Projektion des Films brannten zahlreichen Zuschauern Fragen unter den Nägeln, zumal vielen von ihnen ähnliche Situationen aus dem eigenen Berufsalltag heraus bekannt waren. Wildgruber betonte, dass es wichtig sei, selbst die Initiative zu ergreifen und aktiv etwas für die Verbesserung der eigenen Situation zu tun, und sich nicht darauf zu verlassen, dass die Veränderung von oben gesteuert wird. Die ganze Welt könne man ohnehin nicht verändern und um alle globalen Probleme könne sich niemand kümmern. „Das direkte Feld, in dem ich stecke, ist mein Bezugsrahmen, bei dem ich in den zwischenmenschlichen Beziehungen meinen Hebel ansetzen kann“, so der Filmemacher.

Rudolf Wötzel beim Publikumsgespräch

Im direkten Vergleich mit der 68er-Bewegung, in der es ebenfalls um Liebe und achtsames, vorurteilsfreies Miteinander ging, ruhe die neue „Achtsamkeits“-Bewegung viel mehr auf jedem einzelnen, unterstrich auch Torsten Müller: „Wir müssen als Individuum tätig werden, wenn die Sehnsucht auf Veränderung da ist.“ Nach Ansicht von Rudolf Wötzel beschränkt sich dieser Trend trotzdem nicht nur auf einzelne Angestellte. Große Unternehmen und sogar Banken unterstützten diese Bewegung, da auch in den Führungsetagen die Maxime der ständigen Wachstumssteigerung hinterfragt oder sogar gebrochen werde. Aus eigener Erfahrung wusste Wötzel zu berichten, dass ein Investmentbanker erst in der Blüte seiner Jahre in seinem Handeln stark monetär beeinflusst sei. „So beginnen diese aber nicht in ihrem Unternehmen. Erst eine Abfolge von Frustrationen zwischen dem Unternehmen und dem Individuum führt dazu, dass eine Art Söldner entsteht, der immer dahin geht, wo das meiste Geld zu verdienen ist“, erklärte der ehemalige Top-Manager. Wichtiger sei es deswegen, die ursprünglichen Motivationen der Angestellten zu kultivieren und ihnen aufzuzeigen, dass es wesentlich befriedigender ist, bei anderen Menschen einen positiven Eindruck zu hinterlassen, als ständig nur auf die eigene Gewinnmaximierung fixiert zu sein. Torsten Müller fügte hinzu, dass er sich durch Meditation auch ein Stückweit als Führungskraft verändert habe, da ihm dadurch bewusstgeworden sei, dass auch andere gute Ideen haben und dass er seitdem bei Gesprächen mit Mitarbeitern darauf achte, diesen ein guter Zuhörer zu sein.

Text/Fotos: Frank Brenner

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