Kinokalender
Mo Di Mi Do Fr Sa So
16 17 18 19 20 21 22
23 24 25 26 27 28 29

12.472 Beiträge zu
3.729 Filmen im Forum

Foto: Sonia Franken

Denken mit dem Knie

27. Oktober 2021

„A Universal Opinion” in der TanzFaktur – Tanz in NRW 11/21

Wir kennen alle den Moment, wenn sich die Straßenbahn in Bewegung setzt und nichts mehr zu tun ist, als zu warten. Der Blick schweift zu den anderen Passagieren und es ist, wie es immer ist: Die Männer fläzen sich breitbeinig auf den Bänken, während die Frauen neben ihnen mit aufgerichtetem Oberkörper die Beine überkreuzen. In unserer Körpersprache haben Stereotype des Geschlechts, der Macht und der Mode ihre Spuren hinterlassen. „Wie sich Machtsysteme auf menschliche Körper auswirken, interessiert mich schon lange“, sagt die portugiesische Choreografin Carla Jordão. Sie schaut auf die Bewegungsmuster unseres Alltagslebens, und zwar mit solch einer analytischen Präzision, dass ihr 2019 der Kölner Tanztheaterpreis für ihre Produktion „A Universal Weakness“ verliehen wurde.

Daran knüpft sie nun in der TanzFaktur mit „A Universal Opinion“ an. Vom Bürostuhl bis zum Autositz wird der Mensch den Produktionsbedingungen des Kapitalismus angepasst. „Sozialer Druck fordert konstant von uns, besser zu sein“, meint Jordão. Der Kopf als Kontrollinstanz lässt sich nicht neu programmieren. Für den Körper gilt, was der amerikanische Psychologe Paul Watzlawik über Menschen gesagt hat: „Man kann nicht nicht kommunizieren“. Die Erkenntnis, dass alles was wir tun, Rückschlüsse auf unsere sozialen Prägungen zulässt, stellt für Jordão den Ausgangspunkt ihrer Arbeit dar. Statt den Körper zu korrigieren, lässt sie ihm lieber die Freiheit des Ausdrucks. Josef Beuys’ Behauptung „Ich denke sowieso mit dem Knie“ spricht der Choreografin aus dem Herzen: „Wenn der Kopf ausgeschaltet ist, entsteht eine ganz neue Qualität der Bewegung“, erklärt sie, „dann beginnt der Körper erst so recht zu sprechen.“

Das kleine Ensemble „Species“, bestehend aus Céline Bellut, Jordan Gigout und Kenji Shihone, hat während der Proben eine eigene Körpersprache entwickelt. Carla Jordão verschränkt die Erfahrungen auf der Probe mit der Inspiration, die sie aus der bildenden Kunst zieht. Neben der Malerei spielt das Werk von Cindy Sherman eine bedeutende Rolle. Sherman stellt in ihren Selbstportraits klischeehafte Rollenbilder szenisch nach. Man darf gespannt sein, wie Jordãos Choreografie die verkrusteten Bilder aufbricht und eine Form der Bewegung formuliert, die den Blick auf ein verletzbar authentisches Selbst freigibt.

A Universal Opinion | R: Carla Jordão | 5. - 6.11. je 20 Uhr, 7.11. 18 Uhr | TanzFaktur | 0221 22 20 05 83

Thomas Linden

Hat Ihnen dieser Beitrag gefallen? Als unabhängiges und kostenloses Medium sind wir auf die Unterstützung unserer Leserinnen und Leser angewiesen. Wenn Sie uns und unsere Arbeit finanziell mit einem freiwilligen Betrag unterstützen möchten, dann erfahren Sie über den nebenstehenden Button mehr.

Neue Kinofilme

Dog

Lesen Sie dazu auch:

Eine Sprache für das Begehren
14. SoloDuo Tanzfestival im Barnes Crossing – Tanz in NRW 05/22

Gesellschaftlicher Drahtseilakt
„tipping points“im Ringlokschuppen Ruhr – Tanz an der Ruhr 04/22

Tanzen ohne Grenzen
Tanzfilmfestival Moovy bringt die Leinwand zum grooven – Festival 04/22

In gläsernen Zellen
„absence#1.2 – AntiKörper“ im Barnes Crossing – Tanz in NRW 04/22

Sterbt, aber tanzt
„Dances of Death“ auf PACT Zollverein – Tanz an der Ruhr 03/22

Barnes Crossing lebt
Kölner Choreographinnen-Netzwerk – Tanz in NRW 03/22

Doch kein Don Quijote
Slava Gepner und die TanzFaktur im Jahr 2021 – Tanz in NRW 02/22

Tanz.

Hier erscheint die Aufforderung!