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Narziss und Strippenzieher: Markus Jaursch als Bürgermeister van Bett und Olaf Haye als Syndham
Foto: Klaus Lefebvre

Holland-Trump trifft Spaß-Guerilla

26. Februar 2020

„Zar und Zimmermann“ in Hagen – Oper in NRW 03/20

Bürgermeister van Bett hat seine Stadt mit Rüstungsexporten auf die Erfolgsspur gebracht und ist restlos von seiner eigenen Großartigkeit überzeugt. Deshalb treibt es ihn auch zu höheren Aufgaben. Er sieht sich bereits als kommender Ministerpräsident der Niederlande und sein Land auf dem direkten Weg in den „Nexit“. „Holland first!“, lautet van Betts Parole – und ruft den Widerstand des anarchistischen „Kommandos Zimmermann“ auf den Plan.

Für eine geradezu tagesaktuelle Version von Albert Lortzings „Zar und Zimmermann“ hat das Theater Hagen mit Regisseur Holger Potocki und Ausstatterin Lena Brexendorff zwei bewährte Spezialisten für komische Stoffe engagiert. Premiere war am Tag eins nach dem Brexit.

Was die Fülle an Ideen angeht, enttäuscht das Gespann keineswegs: Aus der holländischen Werft des ausgehenden 17. Jahrhunderts haben Potocki und Brexendorff eine hochmoderne Rüstungsschmiede gemacht, in der jede Menge Digital-Hipster mit langen Bärten, komischen Frisuren und absonderlichen Marotten abhängen. Aus Zar Peter, der inkognito als Zimmermann auf der Werft arbeitet, wird der Sohn des russischen Staatspräsidenten, der für den Geheimdienst spioniert, aus seiner Geliebten Marie, der Nichte von van Bett, eine smarte IT-Managerin und Influencerin.

Das alles ist so krass überzeichnet wie unterhaltsam – hätten sich Potocki und Brexendorff in diesem Fall nicht so sehr von ihrem politischen Sendungsbewusstsein hinreißen lassen, mit immer wieder allzu deutlich erhobenem Zeigefinger vor den skrupellosen Populisten und EU-Gegnern zu warnen, denn damit beraubt sich die Regie eines Gutteils der eigenen Komik. Viele Gags werden so leicht vorhersehbar und – das ist eigentlich noch fataler – die Regie stimmt obendrein ein Loblied auf die politische Korrektheit an. So bleiben die stärksten komischen Momente, die charmant beiläufigen Details, die Ausstatterin Brexendorff beisteuert: Da packt der englische Gesandte (gut gespielt von Olaf Haye) seine eigene Teekanne aus dem Aktenkoffer aus und enthüllt in der Sauna ein großformatiges Rückentattoo mit dem Konterfei der Queen.

Die Spaß-Guerillieros vom „Kommando Zimmermann“, die stets in Fuchsmasken auftreten und dem Bürgermeister nach Möglichkeit das Leben schwermachen, wirken hingegen eher zahnlos und wenig motiviert. Offenbar sollen sie vor allem den Titel der Oper in dieser doch sehr weit vom Original entfernten Version rechtfertigen. Wenn die Plüschfüchse dem besoffen eingeschlafenen Populisten die Hose klauen, erreicht der Humor geradezu Kindergartenniveau. Absolut Spitze ist hingegen die Leistung des Bürgermeister-Darstellers Markus Jaursch, der als Mischung aus Donald Trump und Viktor Orbán zwischen Größenwahn und Einfältigkeit zur Hochform aufläuft und als Bass auch eine adäquate Partie zu singen vermag. Nicht nur der Bürgermeister hat in dieser Inszenierung umfangreiche Sprechszenen. Auch Marie-Pierre Roy als Marie und Richard van Gemert als Peter Iwanow schlagen sich als Schauspieler wie Sänger gleichermaßen gut.

Deutlich besser in Form als an diesem Premierenabend hat man Bariton Kenneth Mattice schon erlebt, der den Inkognito-Zaren Peter singt. Im ersten Akt hat er zeitweise Mühe sich gegen das Orchester zu behaupten, das Dirigent Rodrigo Tomillo nicht nur bei Mattice´ Arien zuweilen allzu ungezügelt aufspielen lässt. Erst im zweiten Teil des Premierenabends erreicht der Bariton seine gewohnte Souveränität. Immerhin: Das Temperament des Orchesters bringt auch Schwung und Tempo ins Bühnengeschehen. Und so ist insgesamt das musikalische Niveau überaus erfreulich.

„Zar und Zimmermann“ | 1.3. 18 Uhr, 12., 20., 26.3., 22.4., 2.5. je 19.30 Uhr | Theater Hagen | 02331 207 32 18

Karsten Mark

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