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Kinogänger auf Lebenszeit: Hartmut Ernst

Tick-Tack

26. Juni 2019

Audiovisuelle Medien in Zeiten der Reizüberflutung – Vorspann 07/19

Was berichtet da neulich der „Spiegel“: Die Länge eines Liedes der US-amerikanischen Billboard Hot 100 belief sich im Jahr 2000 im Schnitt noch auf gute vier Minuten, im Jahr 2017 aber – der Satz ist gleich zu Ende, wir hoffen, Sie können noch folgen – im Jahr 2017 dagegen ist die durchschnittliche Spieldauer der Songs um eine halbe Minute, sprich: um 12,5% geschrumpft. Der Grund, Sie ahnen es: allgemeines Aufmerksamkeitsdefizit der Zuhörerschaft. Wenn man bedenkt, dass die Hits in den 80er Jahren noch als Maxi Singles auf begehrte Zehnminüter gestreckt wurden! Nun, heute ist der Mensch eben ständig überall – und nirgends. Wenn er Musik hört, checkt er die Kinostarts, sitzt er im Kino, streamt er den neuen Musikclip. Alles andere wäre ja Vergeudung kostbarer „Lebenszeit“.

Verlust von Lebenszeit: auch so eine Phrase, auf die der Wohlfühlbürger hierzulande zurückgreift, sobald er sich durch die Rezeption nicht gefälliger medialer Formate seiner Existenz beraubt sieht. Und damit im Umkehrschluss allen Ernstes von sich behauptet, er täte ansonsten nur Lebenszeitwertes. Wie auch immer: Ein Song ist heute kein Song mehr, sondern nur noch willkürliche Auswahl einer Flatrate, im Idealfall kostenfrei. Und was nichts kostet, ist nichts wert. Und was nichts wert ist, verdient keine Wertschätzung und also bitte schon gar nicht meine, da ist sie schon wieder: Lebenszeit.

Auch wenn wir keine vergleichbare Studie erhoben haben, fragen wir Cineasten uns derweil: Ganz anders als das zeitgenössische Liedgut, werden Filme gefühlt doch eher länger als kürzer, im Fernsehen sprießen epische Serienformate wie lange nicht! Wie kann das sein? Nun, im Zeitalter der Reizüberflutung hat es die Musik, die ja „nur“ das Ohr fordert, vergleichsweise schwer. Der Großteil der letzten ESC-Beiträge legte die Vermutung nahe, dass es heute eher auf das Drumherum ankommt als auf den Song selbst. Musik erfordert Zusatzreize, wer setzt sich schließlich noch zu Hause in den Sessel und lauscht fokussiert ein komplettes Album? Wer hält das noch aus?

Das Kino dagegen bietet Reizüberflutung im besten Sinne. Es zieht uns audiovisuell in seinen Bann und triggert über Fakt und Fiktion das gesamte Spektrum unserer Emotionen. Abschweifen? Eigentlich unmöglich. Und sollte Ihnen das vor der Leinwand doch mal passieren: keine Angst! Sie leiden nicht zwingend unter einem Aufmerksamkeitsdefizit, vielleicht ist ja der Film, auch das kommt vor, bloß langweilig. Zum Glück aber studieren Sie just unsere sorgsam erstellte Verpackungsbeilage und sind gefeit gegen etwaige Unverträglichkeit.

Kino kostet Eintritt. Zu Recht. Kunst gehört bezahlt. Vielleicht verdient ein Kinofilm ja allein schon deshalb automatisch mehr Aufmerksamkeit als ein Song, weil er etwas kostet? Das soll nicht heißen, dass alles, was kostet, von Wert ist. Was wir aber wissen: Egal, ob im Monat Juli „Nuestro Tiempo“ mit drei Stunden oder „Das melancholische Mädchen“ mit 80 Minuten Laufzeit – Kino ist fast immer eines: kostbar genutzte Zeit. Danke für die Aufmerksamkeit.

Hartmut Ernst

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