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Vergessene Nachrichten

25. Mai 2022

Die Initiative Nachrichtenaufklärung in Köln

Rund 480.000 deutsche Kinder und Jugendliche beteiligen sich an der Pflege ihrer Angehörigen und leisten damit einen großen Dienst an der Gesellschaft. Sie haben darüber bisher noch nicht nachgedacht? Das liegt wahrscheinlich daran, dass das Thema in den Nachrichten und damit auch in der öffentlichen Diskussion kaum stattfindet. Weitreichende, altersgerechte Hilfestellungen, um Überforderung zu vermeiden, gibt es daher kaum für Minderjährige.

Als eines von zehn Themen landete diese Nachricht 2022 auf dem dritten Platz der Top Ten der vergessenen Nachrichten, veröffentlicht durch die Initiative Nachrichtenaufklärung (INA) e.V. Jedes Jahr küren die Vereinsmitglieder aus Wissenschaft und Journalismus Themen, die wenig Aufmerksamkeit in den Medien bekommen. Auf Platz eins schaffte es diesmal die Abschaffung der Lernmittelfreiheit in vier Bundesländern.

Einmal im Jahr organisiert der Verein außerdem gemeinsam mit dem Deutschlandfunk das Kölner Forum für Journalismuskritik und vergibt den Günter-Wallraff-Preis an Personen und Institutionen, die sich originell, ausgewogen und kritisch mit Journalismus auseinandersetzen. Auch der bekannte Namensgeber des Preises ist Mitglied der INA.

Öffentlichkeit für vernachlässigte Themen erzeugen“

„Wir sprechen nicht von Zensur, sondern von medialer Vernachlässigung“ erklärt Hektor Haarkötter. Er ist Professor für Kommunikationswissenschaft mit Schwerpunkt politische Kommunikation an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg und seit 2014 geschäftsführender INA-Vorsitzender. Vor 25 Jahren wurde die Initiative nach dem Vorbild der amerikanischen Schwesterorganisation Project Censored gegründet. „Wir wollen Öffentlichkeit für vernachlässigte Themen erzeugen“, sagt Haarkötter. Und das ginge am besten, indem man selbst „die Gesetze der Medien“ befolge – daher eine regelmäßige Top Ten.

Corona Pandemie und Ukraine-Krieg zeigen exemplarisch die Vernachlässigung anderer, wichtiger Themen durch die Medien. Das Herausfiltern besonders relevanter Themen sei ein demokratischer Prozess, erzählt Haarkötter, an dem von Anfang an auch die Bevölkerung beteiligt sei. Jeder könne online oder klassisch per Brief Themenvorschläge einreichen. Viele Einreichungen kämen jedes Jahr aus geschlossenen Einrichtungen wie Gefängnissen, Seniorenheimen oder psychiatrischen Anstalten. Haarkötters Theorie: Diese Bereich würde journalistisch oft nicht gut abgedeckt, da sich viele Redaktionen keine aufwendige Recherche leisten könnten.

Drei Kriterien gelten für ein Top-Ten-Thema: Das Thema müsse „eine Story“ sein, gesellschaftliche Relevanz haben, also mindestens die Hälfte der Bevölkerung betreffen, und in großen, überregionalen Medien kaum vorkommen. Studentische Rechercheteams prüfen die Themen, über die die rund 30 Vereinsmitglieder anschließend auf einer ganztägigen Diskussionsveranstaltung abstimmen.

Mediale Vernachlässigung in der Auslandsberichterstattung

In wissenschaftlichen Veröffentlichungen untersuchen Vereinsmitglieder außerdem die Mechanismen der Vernachlässigung und den Einfluss von Wirtschaft und Gesellschaft auf redaktionelle Entscheidungsfindungen. Ab dem nächsten Jahr will die Initiative den Blick stärker ins Ausland richten und plant daher gemeinsam mit dem Projekt Censored die jährliche Veröffentlichung einer internationalen Top Ten. Das Ausland sei besonders von medialer Vernachlässigung bedroht. So setze die ARD nur vier Korrespondenten in ganz Afrika ein, Nachrichten in den deutschen Medien würden immer häufiger regionalisiert, erklärt Haarkötter.

Doch wie kann sich Journalismus qualitativ so verbessern, dass nicht nur einzelne Themen gepusht werden? Schließlich dienten die Medien der Bevölkerung auch dazu, so Haarkötter, wichtige Entscheidungen auf der Basis von Informationen treffen zu können – beispielsweise bei Wahlen. Den Medien komme damit eine große Verantwortung zu. Doch die Ressourcen für Journalismus würden immer weniger, der Wert journalistischer Arbeit nicht mehr richtig anerkannt. Haarkötter wünscht sich daher Rezipienten, die bereit sind, für Journalismus Geld zu zahlen. Und zwar so viel, dass sich Medien weitgehend über Journalismus statt über Werbung finanzieren können. So sollen erst gar keine Abhängigkeiten entstehen.

Für die diesjährige Top Ten gilt das Prinzip der vergessenen Nachricht übrigens nicht: Anders als sonst fand die Veröffentlichung im April ein großes Medienecho und wurde sogar von der Tagesschau erwähnt. Die Medien weisen damit auf ein selbst erzeugtes Problem hin: Vor allem soziale Themen kommen in der Berichterstattung häufig zu kurz. So seien die meisten Wirtschaftsteile der großen Zeitungen sehr BWL-lastig und neoliberalisiert, ist Haarkötter überzeugt, hier würde vor allem über Unternehmen, Aktienkurse und Dividenden berichtet. Der Hartz-IV-Regelsatz etwa komme kaum vor. Dabei sei genau das ein wichtiges Thema für viele Menschen.


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Mareike Thuilot

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