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Stefan Bachmann
Foto: Lisa Jureczko

„Zwischen Euphorie und Depression“

01. Mai 2020

Intendant Stefan Bachmann über das Schauspiel Köln in Corona-Zeiten – Premiere 05/20

So wie der Fußball drängt inzwischen auch das Theater auf eine Lockerung der Einschränkungen des Lockdowns. Der Deutsche Bühnenverein hat am 21. April eine Perspektive für Theater und Orchester gefordert. Kritik entzündet sich vor allem an dem undifferenzierten Verbot von Großveranstaltungen. Hinter den Kulissen arbeiten fast alle Bühnen an einer Strategie, wie ein Spielbetrieb in Corona-Zeiten aussehen könnte. Intendant Stefan Bachmann gibt im Gespräch (Stand: 24.4.2020) einen Einblick, wie sich das Schauspiel Köln auf den Tag X vorbereitet.

choices: Herr Bachmann, erreiche ich Sie jetzt im Homeoffice?

Stefan Bachmann: Ich bin meist bis 13 oder 14 Uhr im Theater, dann gehe ich nach Hause und leiste meinen Beitrag, dass wir auch hier als Familie zurechtkommen.

Wie viele Mitarbeiter arbeiten noch im Theater?

Die Kostümabteilung hat für die Stadt Köln bereits über 7000 Masken genäht. Die Mitarbeiter*innen sind sehr weiträumig im Theater verteilt, andere arbeiten im Homeoffice. Neben den Schneider*innen machen auch die Ankleider*innen und die Kascheure mit. Es werden aber auch in den meisten Abteilungen Wartungsarbeiten ausgeführt. Alles natürlich im gebührenden Abstand. Viele Mitarbeiter*innen sind aber zu Hause und arbeiten von dort aus.

Am 15.4. hat die Bundesregierung beschlossen, dass Großveranstaltungen bis zum Ende August untersagt bleiben. Lassen sich daraus Erkenntnisse fürs Theater ableiten?

Im Moment werden eher Grundmuster kommuniziert und daraus muss man dann seine eigenen Schlüsse ziehen. Ich tausche michtäglichmit Kollegen aus. Es ist allerdingsfür uns alle nicht so einfachKlarheit zu bekommen. Ich will mich nicht darüber beklagen,es liegt in der Natur der Sache unddie Krise wird von der Bundesregierunginsgesamtgut gemanagt. Konkret: Ich habe die Hoffnung aufgegeben, dass wir vor den Sommerferien noch spielen werden. Das ist mit den Anforderungen an Hygiene- und Abstandsregeln im Moment nicht zu vereinbaren.

Wie könnten denn coronakompatible Theaterformen aussehen?

Genau das ist jetzt die Frage. Ich denke, wir müssen uns darauf einstellen, dass wir auch nach den Ferien nicht einfach in der gewohnten Form Theater spielen können. Vielleicht gibt es geeignete Produktionenim Repertoire. Zum Beispiel Luk Percevals Inszenierung von O’Neills „Eines langen Tages Reise in die Nacht“, in der die Schauspieler*innen über weite Strecken vereinzelt in Boxen agieren. Das ist eine Ästhetik, die bietet sich jetzt an; und zur düsteren Stimmung auf der Bühne passt vielleicht auch eine Vereinzelung im Zuschauerraum. Andere Projekte leben von einem anderen Spirit und sind nicht übertragbar. Der kleinste gemeinsame Nenner des Theaters ist: Es gibt eine Person, die spielt, und eine, die zuschaut, letztlich also ein Monolog. Diese Kleinstkonstellation wäre im Prinzip sofort umsetzbar. Aber auf Dauer ist das natürlich nicht zufriedenstellend und so sind wir auf der Suche nach ungewöhnlichen Formen.

Müssen Sie den Spielplan der nächsten Spielzeit nochmal überarbeiten?

Einige Inszenierungensind in den Endproben steckengeblieben.Diese Inszenierungen wollen wir zu Ende proben und in der neuen Saison zeigen. Allerdings wird das nur mit entsprechenden Modifikationen hinsichtlich Abstand und Hygiene möglich sein. Darüber hinaus werden wir den gesamten Spielplan der Saison 2020/21 nochmal auf die Frage abklopfen müssen, ob die Inszenierungen in der Art und Weise, wie sie gedacht sind, umsetzbar sind. Es gibt Konzepte, die inzwischen schlicht Makulatur sind.Vermutlich werden wir auch inhaltlich nochmal andere Setzungen vornehmen, was nicht bedeutet, dass wir nur Stücke über die Bedrohung durch Pandemien zeigen wollen, aber wir werden auf das reagieren, was sich gesellschaftlich gerade verändert. Da auch alle anderen Theater ihre Spielpläneüberarbeiten müssen, wird es Terminkollisionen geben. Ich habe bereits Anfragen, ob Proben zwei Wochen später anfangen können, weil Regisseur*innen woanders noch etwas uminszenieren müssen. Da kommt viel Arbeit in den kommenden Wochen auf uns zu.

Wird Corona auch grundlegende Auswirkungen auf die Spielweise haben?

Da werden wir nicht drumherum kommen. Ich kann mir derzeit nicht vorstellen, dass sich Schauspieler*innen auf der Bühne küssen. Wir alle müssen sehen, wie wir Inszenierungen hinbekommen, die die Abstandsregeln einhalten und gleichzeitig eine große Intensität besitzen und künstlerisch Sinn machen. Wir müssen die Schauspieler*innen und die Mitarbeiter*innen hinter den Kulissen genauso schützen wie das Publikum.

Können Sie sich Geistervorstellungen vorstellen?

Ich konnte mir vieles, was jetzt realisiert wird, überhaupt nicht vorstellen. Deswegen bin ich sehr vorsichtig. Ich kann mir „Geistervorstellungen“ nicht vorstellen, weil es allem zuwiderläuft, wie ich Theater verstehe. Ich habe als Regisseur bisher kaum mit Video gearbeitet, weil ich an die Unmittelbarkeit glaube und es mag, wenn sich die Schauspieler*innen berühren. Die vergangenen Wochen haben mich aber gelehrt, dass man sehr flexibel reagieren muss. Also kann ich mir vielleicht dann irgendwann doch „Geistervorstellungen“ vorstellen.

Planen Sie auch spezifische Online-Formate?

Wir sind online ganz gut aufgestellt, zeigen Inszenierungen im Stream und unser Ensemble engagiert sich mit verschiedensten Beiträgen auf unseren Social-Media-Kanälen. Für den Podcast „Lockdown“ hatten wir z. B. gleich zu Beginn der Einstellung des Spielbetriebs einen Schreibauftrag erteilt, und wir arbeiten an weiteren Formaten, die explizit für die Onlinemedien gedacht sind, denn allein die Aufzeichnung einer Inszenierung kann das Live-Erlebnis einfach nicht ersetzen. Und in der Suche nach neuen, in der Situation adäquaten Formaten, entfaltet sich auch eine spannende Kreativität.


Stefan Bachmanns Inszenierung „Vögel“ für nun abgebrochene Spielzeit 2019/20, Foto: Tommy Hetzel

Wie geht es Ihrem Ensemble eigentlich? Manche Fußballspieler sollen inzwischen sogar depressive Züge entwickelt haben angesichts der Untätigkeit.

Wir haben allen gesagt, sie sollen sich melden, wenn es ihnen nicht gut geht. Bis jetzt habe ich keine Rückmeldung bekommen. Insofern gehe ich davon aus, dass alle ok sind. Es ist allerdings nicht einfach, Kontakt zu halten, aber ich bekomme einmal am Tag ein Feedback, ob alle noch gesund sind. Eine Zoom-Ensembleversammlung haben wir noch nicht gemacht.Es geht ja nicht nur um 25 feste Schauspieler*innen, sondern auch um ein Schauspielstudio, dazu Assistent*innen und Inspizient*innen usw. Manche Schauspieler*innen genießen es sicherlich, ein bisschen Zeit zu haben, andere scharren mit den Füßen. Jeder wir derzeit immer wieder gefragt: „Wie geht’s Dir eigentlich?“ Für mich persönlich kann ich sagen, das bewegt sich zwischen Euphorie und Depression,die Gefühlslage ist schwankend.

Inwieweit schließen sich die Theater untereinander kurz hinsichtlich Hygienekonzepten?

Bestimmte Sachen kann man selbstverständlich voneinander lernen. Das Deutsche Theater in Berlin hat allerdings ganz andere Voraussetzungen als das Schauspiel Köln. Deshalb befürchte ich, dass jeder sein ganz spezielles Konzept erarbeiten muss. Wir verfügen zum Beispiel über ein sehr großzügiges Foyer. Dafür müssen wir Konzepte entwickeln, damit es beim Einlass und am Ende nicht zu Staus kommt. Wir müssen die Dauer des Einlasses kalkulieren, die Platzierung des Publikumsusw. Daran arbeiten gerade Taskforces hier im Haus und schließen sich mit dem Gesundheitsamt kurz.

Anm. d. Red.: Kurz vor Redaktionsschluss wurde die Spielzeit 2019/20 der Bühnen Köln für definitiv beendet erklärt.

Interview: Hans-Christoph Zimmermann

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