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Parkverbot, 2010, Bank mit Stacheln © Nadia Kaabi-Linke
Foto: Uwe Walther

Staubige Geschichte unterm Mikroskop

30. November 2017

„Versiegelte Zeit“: Nadia Kaabi-Linke im Bonner Kunstmuseum – Kunstwandel 12/17

Wenn die Zeit versiegelt wäre, dann könnte es möglich sein, sie irgendwann wieder zu öffnen, sie weiterlaufen zu lassen. „Versiegelte Zeit“ heißt die Ausstellung von Nadia Kaabi-Linke im Bonner Kunstmuseum. Die in Tunis geborene ukrainisch-russische Künstlerin zelebriert dabei eine in diesen Zeiten erfrischende transnationale Haltung, die Räume wirken spektakulär leer, metallische Linienrechtecke auf dem Boden hinter dem Eingang in die Räume sind erst einmal unverständlich. Die Namen von Orten stehen daran, klein, aber man hat ja die Brille dabei.

Es ist eine aktuelle Arbeit der Künstlerin. „Modulor III“ (2017) zeigt die Grundrisse von Gefängniszellen in Deutschland und der Welt. Der Titel stammt vom architektonischen Proportionssystem Le Corbusiers, dessen Menschenmaßstäbe fürs Wohnen auch auf Gefängnisse Anwendung fand. Gleich gegenüber die „Bonner Mythologien“ (2017): Die wurden eigenhändig aus Staub und Spinnweben „montiert“. Alles stammt aus Bonner Gebäuden und wurden extra für die „Versiegelte Zeit“ gesammelt, vergrößert und mit Graphit aufgezeichnet. Gleich alle Räume durchzieht dagegen die „Gekochte Erde“ (2017) aus Terrakotta, auch hier eine Spur aus Wunden der Geschichte, deren Entsiegelung sich niemand wünscht.

Kaabi-Linke arbeitet auch hier mit historischen Parallelen, die sich durch ihr gesamtes Werk ziehen. Bestes Beispiel dafür ist das Klapp-Triptychon „The Altarpiece“ (2015) im Goldrahmen. Das Bild ist eher abstrakt hell und dunkel; ein paar florale Spuren wie auf dem Werk „Der große Wald“ von Max Ernst könnte man entdecken, doch sind es Abdrücke von Hinterlassenschaften, Kratzungen, Spuren auf der Wand eines Ostberliner Weltkriegs-Bunkers. Er diente kurz als Kriegsgefängnis, dann zur DDR-Zeit als Gemüselager, nach 1990 war dort ein Techno-Club. Der fast sakrale Wandabdruck mit Acryl, Tinte, Leinen und Seidenpapier (2015) könnte heute dort wieder an der Wand hängen, beherbergt der Bunker doch gerade die zeitgenössische Kunstsammlung Boros. Das wäre dann eine Momentaufnahme im Moment, eine schöne Idee, Geschichte sichtbar zu machen und irgendwie auch zu schreiben. Einen ähnlichen Ansatz zeigt „Color of Time“ (2014-17), eine Monochromserie mit Audioguides, die ausschließlich mit Pigmenten aus Stein von historischen Gebäuden gestaltet wurde. Bild 7 ist vom Amtsgericht Bonn.

Aber die Ausstellung hat auch Witz. Zwei Bänke laden zum sinnlichen Verweilen ein. „Parkverbot“ (2010), eine Bank aus dem Berliner Stadtteil Köpenick, ist mit stacheliger Taubenabwehr überzogen. Die Künstlerin reflektiert hier den Umgang der Bundeshauptstadt mit öffentlichen Flächen. Klar, im Mauerpark darf gerillt werden, bis die Polizei kommt, klar, Bänke stehen da auch rum – aber wehe, wer länger als ein paar Minuten verweilt. Da macht ein „Sitzverbot“ natürlich Sinn. Das zweite Sitzmöbel ist die „Nervöse Bank“ (2017) im letzten Raum. Als Weltbürgerin, die zwischen den Kulturen lebt, kennt Kaabi-Linke das Problem, das beim Warten auf Flughäfen entsteht, wenn man einfach nicht mehr sitzen kann und die Bank unter einem fast ein Eigenleben entwickelt. Das modifizierte Möbel in der ersten musealen Ausstellung der Künstlerin in Deutschland macht genau das.

Versiegelte Zeit | bis 28.1. | Kunstmuseum Bonn | 0228 77 62 60

PETER ORTMANN

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