Kinokalender
Mo Di Mi Do Fr Sa So
13 14 15 16 17 18 19
20 21 22 23 24 25 26

12.035 Beiträge zu
3.507 Filmen im Forum

„Titus“
Foto: Ingo Solms

Splattermovie der Renaissance

27. April 2017

„Titus“ in der Orangerie – Theater am Rhein 05/17

Titus feiert den Triumph mit dem Begräbnis seiner Familie. 21 seiner Söhne hat der brutale Feldzug gegen die Goten das Leben gekostet. Für jeden Toten wird dem Militär ein blaues Tuch auf die Arme gelegt. So wollen es die Riten. Der Brauch will aber auch, dass er den Sohn der heftig opponierenden Gotenkönigin Tamora hinrichten lässt und selbst auf die Kaiserwürde zugunsten des intriganten Saturninus verzichtet.

Zwei Fehlentscheidungen, die dann die Gewaltspirale von Shakespeares Splattermovie „Titus Andronicus“ in Gang bringen. Tom Mrosek inszeniert in der Orangerie ein streng durchchoreografiertes Spiel der Macht. Auf einer weiß ausgelegten Spielfläche steht ein mächtiges schwarz-silbernes Radiogerät, das zwischen Theke, Requisite, Bett und Umkleidekabine vielfältig einsetzbar ist. Die sechs Darsteller tragen schwarz. Dorothea Förtsch gibt einen sehr gefassten, emotional gepanzerten Titus, dem die emotional durchglühte, kokettierende Tamora der Lucia Schulz oder der schmierig-machtbesessene Saturninus des Gorgios Markou gute Widerparts sind. Die Regie vermeidet konkrete Hinweise auf aktuellen Terror und Gewaltherrscher und setzt gerade so Assoziationen frei vom italienischen Faschismus bis zum Islamischen Krieg. Kleinste Mittel genügen, um das Geschehen plastisch zu machen: eine Schärpe, ein Becher Blut für jeden Toten. Das macht erfahrbar, was mit der sprichwörtlichen „Eskalationsspirale“ gemeint ist, stellt aber auch die Frage, inwieweit dargestellte Gewalt ästhetisierbar ist, wenn Melissa Moßmeier als Lavinia ihre Verstümmelung in einen Exkurs über die Rollenangebote für junge Schauspielerinnen münden lässt. Ähnlich nervig gerät dann auch der Exkurs übers Blackfacing der dunkelhäutigen Aaron-Figur. Die Fragen und Klagen seien hiermit an good ol‘ Will weitergereicht. Der Abend verschmäht aber auch die Ironie nicht, wenn die Kniefälle mitgezählt werden oder kunstvoll ein Wald aus Origami-Phalli gebaut wird. Letztlich eine gelungene Inszenierung, die erstaunlicherweise an Tim Mroseks inszenatorische Anfänge erinnert.

„Titus“ | R: Tim Mrosek | WA im Oktober | Studiobühne Köln | 0221 470 45 13

HANS-CHRISTOPH ZIMMERMANN

Neue Kinofilme

Justice League

Lesen Sie dazu auch:

„Alle Orte haben ihre Unschuld verloren“
„Shit Island“ von Futur3 über das Schicksal der Insel Nauru – Premiere 11/17

Amy und die wütenden jungen Männer
Theater zum Jahreswechsel im Rheinland – Prolog 11/17

Blur, Orangerie-Theater
9.11.-12.11., 30.11.- 3.12.

Wenn die Masse machtlos ist
Urbäng! eröffnet mit „Suddenly Everywhere Is Black With People“ – Bühne 10/17

Alles Rosi, oder was?
„Nur Utopien sind noch realistisch“ in der Studiobühne – Theater am Rhein 10/17

Skalpell im Gehirn
Theaterexpeditionen im November – Prolog 10/17

Der Mythos lebt
„Gespenst des Joaquím Murieta“ am Orangerie-Theater – Bühne 09/17

Theater am Rhein.