Kinokalender
Mo Di Mi Do Fr Sa So
10 11 12 13 14 15 16
17 18 19 20 21 22 23

12.183 Beiträge zu
3.593 Filmen im Forum

Foto: Thomas Aurin

Letzte Apfelernte im Hüttendorf

29. November 2018

„Ein grüner Junge“ am Schauspiel Köln – Theater am Rhein 12/18

Und ich dachte immer, beamen wäre was für Trekki-Nerds. Und doch sitze ich da und schaue auf die Bühne. Klar, natürlich Frank Castorf – gleich hüpft Sophie Rois herein oder Fabian Hinrichs durchs illuminierte russische Hüttendorf mit Bushaltestelle und Pepsi-Cola-Werbung und – nix da. Denn draußen vor dem Kölner Ersatztheater vergeht das Grün des Urban Gardening, hier drinnen werden die Stunden vergehen wie im Zeitraffer. Der Berliner Volksbühnenheld Frank Castorf schließt in Köln mit „Ein grüner Junge“ seine Dostojewski-Reihe, quasi auf der Durchreise. Ob deshalb im wunderbaren Bühnenbild von Alexander Denic am Rand bereits ein kleiner Серпуховский (Saporoshez) geparkt steht, wird sich erst am Ende zeigen.

Die zähe Kraft der peniblen Genauigkeit erfordert Zeit, Stunden, die viele Zuschauer nicht mehr haben. Klar, zur Premiere, da hofft man noch auf das Gesehenwerden, auf Anerkennung, zwar nicht Rothschild, aber doch wenigstens rheinischer Karnevalsadel geworden zu sein, an meinem Abend (der vierte) da lichten sich die Reihen lange vor der Pause und mein Nachbar stöhnt gequält im Minutentakt. Dabei sind die ersten drei Stunden doch Hopplahé, da staunt man begeistert über die Qualität des Ensembles, da kann man sich kaum sattsehen am russischen Datscha-Diorama, das durch zwei Nebelmaschinen dauerhaft im Nebel liegt.

Die Geschichte stürmt nur so dahin: Das unehelichen Kind Arkadij Dolgorukij (Nikolay Sidorenko) jagt im grünen Anzug seinem undurchsichtigen Vater hinterher, den er zwar treffen, aber nie berühren wird, der immer geile scheinneureiche Selbstbetrüger, der zwischen leicht bekleideten Traumfrauen von der weiblichen Unterordnung träumt, ist vom Untergang bedroht. Wie eigentlich alles in der prickelnden Castorfschen Kapitalismusanalyse auf den Spuren Dostojewskis. Der zweite Dreistünder flieht vor dem riesigen Kinoplakat von „The House of Rothschild“ mit Boris Karloff von 1934 selbst in die Theater-Videothek des wilden St. Petersburg. Endlich dort angekommen wird die Geschichte für Arkadij immer verwirrender zwischen Revolution und Genusssucht. Der Zuschauer kann diese Verwirrung teilen, aber das Ensemble, insbesondere Tipfaine Raffier als Betrügerin Alphonse halten ihn auf Kurs zwischen Flucht und Bleiben. Mein Nachbar war glücklicherweise längst weg. 

„Ein grüner Junge“ | R: Frank Castorf | 5., 29., 30.1. je 18 Uhr | Schauspiel Köln, Depot 1 | 0221 22 12 84 00

PETER ORTMANN

Neue Kinofilme

Mortal Engines: Krieg der Städte

Lesen Sie dazu auch:

„Tiefenbohrungen in unsere Zivilisationsgeschichte“
Dramaturgin Beate Heine über Elfriede Jelineks „Schnee Weiß“ – Premiere 12/18

Konfrontation oder Flucht?
Vergangenheitsbewältigungen im Rheinland – Prolog 12/18

Hüpfburg der Verdammten
„Drei Schwestern“ im Depot 1 – Theater am Rhein 11/18

Die alte Leier
Dezember-Premieren in Köln – Prolog 11/18

„Er ist Mörder und Gemordeter zugleich“
Charlotte Sprenger inszeniert Wolfgang Borcherts „Draußen vor der Tür“ – Premiere 10/18

Umkehrung der Machtverhältnisse
Theaterpremieren im November – Prolog 10/18

Leben in der Ahnungslosigkeit
„Bewohner“ am Schauspiel Köln – Theater am Rhein 10/18

Theater am Rhein.