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Fotos: Archiv/ Verleih

Die Körperkünstlerin

17. April 2020

Kinoheldinnen (2): Die Illustratorin Joann Daley – Portrait 04/20

Wenn Körper in Ruhe zwei Stunden auf Körper in Aktion starren, sitzt man bestenfalls im Kino. Für die Bewerbung dieses Erlebnisses verheißungsvolle Bilder und Posen zu finden, abseits einer ideenlosen Anhäufung unterschiedlicher Motive, war die große Kunst der amerikanischen Illustratorin Joann Daley. Daley, am 27. September 1934 geboren, malte ab 1971 zwei Jahrzehnte lang einige der abwechslungsreichsten und modernsten Filmplakate Hollywoods und erlebte ihre Hochzeit in der Umbruchphase der 1980er.



Gefährlicher roter Nebel und zwei Äxte, die in Kissen und Spiegel schlagen. Mit ihren Motiven zu „The Fog“, „Friday the 13th“ und „Prom Night“ gelingt Joann Daley 1980 der Durchbruch – und sie wird quasi über Nacht von der Kinderbuchillustratorin zur „Horror Queen“ der Plakatmaler. Gleichzeitig macht sie mit ihren Politikerportraits im Playboy und frechen Glückwunschkarten der Firma Paper Moon auch Mainstream-Hollywood auf sich aufmerksam. Ihre muskulösen Bauarbeiter, die mit Presslufthämmern Herzen in den Asphalt meißeln, führen Daley zu ihrem wohl meistgesehenen Bild: dem Plakat zu „Rambo: First Blood Part 2“.  
 
Ähnlich wie ihr nur ein Jahr jüngerer Kollege Renato Casaro, der in Europa eine eigene „Rambo“-Version erfindet, hegt die kalifornische Malerin eine Abneigung gegen Nebenmotive, Brustportraits und unnötige Hintergrundbilder. Ihre knapp 200 Entwürfe für Dramen, Teenagerkomödien, Action- und Horrorfilme stemmen sich folglich mit bestechend klaren Airbrush-Motiven gegen die überfrachteten Spektakelplakate der 1970er Jahre und die stark mit Schraffuren und Umrandungen arbeitenden Illustrationen der männlichen Kollegen John Solie, Drew Struzan oder Richard Amsel. Da ihre Signatur „Joann“ fast von sämtlichen Filmplakaten wegretuschiert wird, ist Daleys Name jedoch nur Insidern und Bücher- und Postkartenkäufern ein Begriff.





Neben ihrem „Eyes and Bodies“-Konzept mit weit aufgerissenen, großen Augen und kontrastierenden Ganzkörperabbildungen erfindet Daley herausfordernde Action-Posen, Schattenwesen und verschwindende, überlappende oder mutierende Gesichter, bringt Poesiealbum-, Postkarten- und Zettelcollagen auf die Plakate, zoomt Rücken, Hände und Hälse an, malt Glassplitter und Risse sowie hyperrealistische Schilder und 3D-Schriften. Große Gesichtsportraits versieht sie sogar mit kleinen Härchen und Poren, Körperhaut bildet sie in weichen Übergängen mit glänzenden Muskelsträngen ab.

Auch in der Herstellung ihrer Kunstwerke ist die Designerin erfinderisch. Detailreiche Illustrationen malt sie zunächst in einer Schwarzweißversion und koloriert anschließend deren Kopie. Bei Retuschen und Bildmontagen arbeitet sie erstmals Knicke, Regentropfen und Brandlöcher ein. Für Twentieth Century Fox kreiert sie zwischen 1982 und 1985 mehrere originelle Motive zu den gänzlich unterschiedlichen Komödien „The King of Comedy“, „Reuben Reuben“, „Blame it on Rio“, „Porky’s Revenge“ und „Moving Violations“. Die Bandbreite ihrer Ideen bringt sie 1986 bis zu Disneys neuem, waghalsigem Komödienableger Touchstone.





Daley gelingen über die Jahre einige einzigartige, freche Portraits und Posen von Burt Reynolds, Chuck Norris, Kim Basinger, Kristy McNichol, Tom Conti, Chuck Mitchell und Robert De Niro. Ihre größten Erfolge im Filmgeschäft feiert die Malerin im Alter von knapp 50 Jahren mit ihren Artworks für die Fox und die unabhängigen Firmen Avco Embassy, Film Ventures International und United Film Distributors, sowie mit ihren weltweit verwendeten Entwürfen zu „Creepshow“, „Scanners“ und „Midnight Run“. Ihre besonders beim Teenagerpublikum ankommende Malweise lässt sie ab 1984 auch zur Pionierin im Home Entertainment werden. Mit Acryl- und Wasserfarben, Spritzpistole und Buntstiften fabriziert sie für das Genre-Label Lightning Video, Teil der frühen Videofirma Vestron, zeitgemäße Cover für ältere Horrorfilme wie „Terror in the Wax Museum“ und Fernsehspiele wie „The Tenth Month“. 

Daleys Schaffen steht damit exemplarisch für den Umbruch der 1980er Jahre: Das Home Entertainment löst ganze Genres aus der Kinoauswertung heraus und vernichtet zahllose „Second-Run“- und Vorstadttheater, der Computer beendet gleichzeitig die Arbeit der Pinselartisten Tinseltowns. Laut einem Artikel in der Los Angeles Times, der sich 1993 dem Ende des gemalten Filmplakats widmet, verdient Daley 1988 160.000 Dollar mit ihren Plakatentwürfen, fünf Jahre später, im Zuge der immer wichtiger werdenden Computertechnik, aber nur noch 30.000 Dollar.  





Bis in die späten 1990er Jahre reicht die einzige Frau unter Hollywoods klassischen Illustratoren weiter Kampagnenvorschläge ein und malt, neben ein paar allerletzten Horrorpostern, Paper Moon- und Superhelden-Karten, leidenschaftliche Liebespaare für Romanserien, Albencover, Motorradkalender und Werbeanzeigen. Für Verlage und Magazine fertigt sie weiter Portraits von Politikern und Prominenten wie Walter Cronkite, Ronald Reagan oder Kiana Tom. Von Los Angeles zieht Joann Daley schließlich zusammen mit ihrem Ehemann und Manager James Costello in den kalifornischen Küstenort Oxnard, wo sie am 8. November 2005 stirbt. Ihr letztes Atelier hat sie bezeichnenderweise in Oxnards Hafenviertel Hollywood, in Apartment 231 auf der Peninsula Road 2740.

Rüdiger Schmidt-Sodingen

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