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Nimmt gern von allem etwas: Hartmut Ernst

Von allem und für jeden

19. Dezember 2019

Vielfalt im Kino – Vorspann 01/20

Wenn in einem Saal ein Zitronenbaum gegossen wird und direkt nebenan 3 Engel die Welt retten oder Die Wütenden wüten, dann weiß man: Im Kino passiert jederzeit alles. Wie im echten Leben eben: hier eine Romanze, ein paar Meter weiter das Trennungsdrama. Doch wie im echten Leben gibt es auch im Kino Parallelschauplätze. Auch das große, weiße Rechteckige im gezeitenfreien Raum kennt die Jahreszeiten. Wir haben das gerade wieder vor Weihnachten erlebt, wo romantische Komödien alljährlich besonders erquicklich bezirzen, Dramen besonders beherzt gutmenscheln und Kinderfilme besonders verschneit erheitern. Und, nicht zu vergessen, wo auch gern mal der Horror einkehrt, wenn uns zum Fest der Liebe traditionell Gremlins und Bad Santas heimsuchen oder zum Bad Christmas laden.

Derlei gilt indes für Ostern eher nicht: Während der Weihnachtsmann auch mal das Metzelmesser wetzt, scheinen Küken und Hasen zum Erschrecken eher ungeeignet. Naja, und Blut macht sich auf Schnee ja auch besser als auf der bunten Osterwiese.

Außerhalb der Weihnachtszeit hingegen muss dann schon etwas Besonderes passieren, um übergreifende Themenblöcke im regulären Wochenprogramm zu generieren. Wie zuletzt das Jubiläum zur deutschen Einheit, als sich um den November herum gleich eine ganze Handvoll Beiträge, vom Kinderfilm über das Beziehungsdrama bis zur Wiederaufführung rund um das Thema Mauerfall tummelten. Ansonsten gilt für den donnerstäglichen Wechsel im Kinobetrieb: Von allem und für jeden etwas!

Und das gehört wohl durchdacht – Vielfalt unterliegt durchaus keiner Willkür. Während sich der Kinobesucher oft tagesaktuell fragt: „Was läuft denn heute?“, sind die Filmstarts durchweg akkurat und langfristig geplant. Dennis Villeneuves „Dune“ ist beispielsweise für den 18. Dezember 2020 angesetzt. Vermutlich wird man auf diesen Starttermin eher nicht den nächsten „Star Wars“ oder eine Wiederaufführung von „Lawrence von Arabien“ terminieren. Nein, Filme wollen sich nicht einander im Weg stehen, und so kommt die Eisprinzessin nicht den Heinzels in die Quere, kein Pedro Almodovar einem Woody Allen und kein Lindenberg dem Pavarotti. Wer würde sich beispielsweise in einem Monat vier Filme über die zwei Weltkriege anschauen? Ups – Sie, wie es aussieht! Denn genau das steht uns im Januar bevor, wo Hitler nicht bloß das Kaninchen stiehlt, sondern auch noch einem Faschismusverweigerer das Leben schwer macht („Ein verborgenes Leben“) oder einem verklärten Pimpf als Vorbild dient („Jojo Rabbit“). Und als wäre das noch nicht genug, schickt Sam Mendes auch noch zwei Soldaten mit der Kamera auf Augenhöhe und ohne spürbaren Schnitt durch die Schützengräben des Ersten Weltkriegs („1917“). Weltkriegswochen zum Jahreswechsel also, die wiederum durch ihre Tonalität – biografisch, satirisch, poetisch, hautnah – dem verwandten Thema mit großer Bandbreite begegnen. Damit bleibt hier auch im Gleichen alles anders. So wie im Leben eben. Kino, halt.

Hartmut Ernst

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